NotebookLM zeigt gerade sehr deutlich, wie weit sich die AI-Bubble von der Nicht-AI-Bubble entfernt hat. Einige Beobachtungen. Viele Fragen. Subjektiv und etwas düster.
Früher war Twitter meine Inspirationsquelle: Große Vielfalt war dort zu sehen, was die Meinungen und die Zugänge betraf. Aber auch die Empfehlungen, die man dort bekam, waren bunt und abwechslungsreich. Twitter gibt es nicht mehr, mein professionelles Netzwerk hat sich Richtung LinkedIn verschoben. Dort treiben sich viele intelligente Geister herum, viele Kolleg:innen aus der Bildungsbubble und ebenso aus der EdTech-Bubble. Der eigentlich beste Boden für Inspiration.
Früher war alles besser?
Vielleicht liegt es am Algorithmus innerhalb meines Netzwerks, vielleicht auch an der aktuellen Zeit. Aber mir fehlt die Vielfalt grad sehr, die ich auf Twitter noch so genossen habe. Die Themen zur Zeit kreisen primär um das (mögliche) Social-Media-Verbot und Künstliche Intelligenz. Vieles wird dazu geschrieben. Man hat das Gefühl gar nicht mehr nachzukommen beim Lesen. So ging es mir auch früher. Also warte ich, was sich in der Timeline wiederholt, um es dann selbst auszuprobieren und in meine Lehre, Forschung und auch Fortbildungen zu integrieren.
Googles AI-Aufholjagd
In einem früheren Blogpost habe ich schon angemerkt, dass Google im Bereich AI gerade stark am Aufholen ist.
War Google Bard noch eher mittelalterlich, ist sein Zwilling Gemini gerade in aller Munde, wie meine Timeline vermuten lässt. Google sieht es ähnlich und schreibt vom Beginn einer neuen KI-Ära. Einen Blick hinter diesen Superlativ wirft der Beitrag Gemini überall: Google stellt seine KI-Vision vor und fasst die sieben zentralen Punkte kompakt zusammen. Zentral ist sicherlich, dass bei Suchen in Google das erste Ergebnis nunmehr konsequent KI-generiert ist. Man muss schon etwas nach unten scrollen, um zu den Primärquellen zu kommen.
Workaround: Netzpolitik zeigt im Beitrag Googles „Übersicht mit KI“ abstellen, so geht’s, wie man diese Übersicht los wird, will man nicht die Suchmaschine selbst wechseln.
Zwei „Neuerungen“ sind Gems, also die Möglichkeit der Individualisierung und Spezialisierung durch KI-Assistenten, -Experten oder -Agenten (wie man es nennen möchte), und Imagen 3 zur Bildgenerierung, das hinter Nano Banana steht, dem Bildgenerator, der bei einigen meiner Kolleg:innen Napkin.ai als bevorzugtes Tool zur Graphik-Erstellung abgelöst hat (wohl auch, weil Napkin.ai auch sein Preismodell geändert hat). Neuerungen steht unter Anführungszeichen, weil sie bereits in einem Beitrag im Sommer 2024 angekündigt wurden.
Meine Timeline ist Frühling 2025 damit gefüllt, also auch ein wenig verspätet. Seit Jänner 2026 aber geht sie gefühlt über.
- So liest man in der FAZ Wie Künstliche Intelligenz beim Lernen hilft – mit einem Blick auf den Lernmodus, der aus einem Chatbot einen Lernpartner macht [sorry für die Paywall]. Seit August auch für jüngere Nutzer:innen erlaubt – nicht mehr 18 Jahre ist das Mindestalter, sondern 13+ (also 14 Jahre in der Europäischen Union), „to help them learn, study and understand their class materials“, wie auf dem Google-Blog zu lesen ist.
- Auf der Webseite von KI & Bildung schreibt Matthias Kindt über das Mergen von Gem + Nano Banana.
- Alicia Bankhofer zeigt an Beispielen mit Gemini und NotebookLM wie man Guiding Students in Ethical and Responsible AI Use: For Educators in der Praxis umsetzen kann.
- Schon im Oktober 2024 hat Der Standard darauf hingewiesen, wie schnell sich mit NotebookLM Podcasts erstellen lassen – mit zwei Klicks nämlich. Hauke Pölert hat im Sommer 2025 seine Übersicht mit einem Update versehen – so viel hatte sich getan bei NotebookLM.
- Aktuell liest man bei Matthias Kindt Data Tables in NotebookLM: Inhalt aus einem Notebook in eine Tabelle & Google Sheet übertragen – erste Kolleg:innen sehen darin bereits eine effiziente Möglichkeit für wissenschaftliche (systematische) Literature Reviews. Hier auch die Ankündigung bei Google. Und auch eine Anleitung zu NotebookLM in den Gemini-Chat integrieren findet man.
- Der Tiroler Bildungsserver sieht vor allem eine Erleichterung für Lehrende (aber nicht nur) und beschreibt einen pragmatischen Zugang.
Ein Tool sticht dabei besonders heraus – NotebookLM, das Barbara Geyer in ihrem Jahresrückblick als Entdeckung des Jahres 2025 beschreibt und das vom KI-Trainingszentrum als „revolutionäres Werkzeug“ beschrieben wird.
NotebookLM als Beispiel für den Verlust der Bodenhaftung
Ich habe also letztes Jahr auch ein wenig herumgespielt. Meine eigenen Artikel genutzt, um mir Zusammenfassungen, Mindmaps und Podcasts erstellen zu lassen – wenn man Open Access publiziert, geht das auch aus urheberrechtlicher Perspektive. Meine eigenen Beiträge kenne ich natürlich bestens, also kann ich die Qualität der Ergebnisse gut einschätzen. Glaube ich zumindest. Und ich war überrascht, wie gut das Tool wirklich funktioniert. Die zahlreichen Erfahrungsberichte auf LinkedIn und darüber hinaus haben natürlich geholfen, die eine oder andere „Spielerei“ angeleitet.
Für mich war klar – NotebookLM kommt in meine Fortbildungsliste zu jenen Tools, die ich vorstellen möchte. Natürlich immer mit dem Hinweis auf das dahinterstehende Unternehmen, also Google. Ich empfehle aktuell kaum mehr Tools, ich stelle nur mehr vor. So können Lehrende selbst entscheiden, was sie nutzen möchten. Ich weiß, was Sie nun denken, auch die Vorstellung ist eine (indirekte) Empfehlung. Genau aus diesem Grund versuche ich immer auch die Geschichte zum Tool, zum Unternehmen dahinter zu liefern. Damit eine klarere Entscheidung möglich ist. Nicht nur die Vor-, auch die Nachteile werden genannt. Mir ist das wichtig, wenngleich der eine oder die andere lieber einfach eine Tool-Parade mit fertigen Unterrichtsbeispielen am Ende hätte. Ich lasse lieber selbst generieren.
Wieso nun aber Verlust der Bodenhaftung? In den Fortbildungen (und ich halte nicht so wenige) war NotebookLM nicht wirklich bekannt. Eine oder zwei Personen zeigten auf, die meisten waren überrascht. Ich war es auch. Meine Timelines und auch Gespräche mit Kolleg:innen aus der Bubble hatten mich eigentlich anderes erwarten lassen. Das mag keine weltbewegende Erkenntnis sein. Für mich aber ist es ein Warnhinweis, wie schnell man seine Bodenhaftung verliert, wenn man in der Bubble ist.

Barbara Geyer verweist – in einem anderen Kontext – auf die Bifurkation, also das Auseinandergehen von Strömungen, das Entstehen eines Gaps oder eines Divides. Auch deren Verstärkung. Wie bei Gleisen, die sich in unterschiedliche Richtung verzweigen. Genau diese sollten wir im Blick haben, wenn es um Bildungsgerechtigkeit geht. Empfehlen wir NotebookLM (oder andere Tools) als Lernbuddy, oder nicht? Wieder ein Tool einer der großen Anbieter, das für seine Datensammlung bekannt ist. Es kann einen Unterschied machen. Für all jene, denen es nicht bekannt ist. Als Option. Eine Option unter vielen. Es ist nur ein Beispiel, aber der Gedanke an den sich vergrößernden Gap beschäftigt mich gerade. Auch in der Planung zukünftiger Fortbildungen, der Lehre und eigentlich ganz allgemein.
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Wohin bewegen wir uns gerade? Wohin wollen wir uns bewegen? Ist es schon zu spät, weil wir uns für ein Gleis entschieden haben? Oder es verabsäumt haben, und zu entscheiden und mit dem allgemeinen Zug mitgefahren sind? Weil wir nicht wussten, dass wir uns entscheiden können/müssen. Können wir die Gleise noch wechseln, auf den anderen Zug aufspringen? Verlieren wir gerade einen Teil der Lernenden und Lehrenden, oder auch: der Gesellschaft? Führt der Weg vielleicht auf das Abstellgleis?
Gedanken, die ich mir am Blue Monday, dem traurigsten Tag des Jahres, stelle. Man möge mir das Düstere verzeihen. Es ist der Blue Monday. Hoffentlich.