Verliere ich meine Stimme?

Beim Schreiben mit KI stelle ich mir aktuell viele Fragen. Ich möchte sie teilen. Vielleicht bin ich nicht die einzige Person, die sich genau dieselben Fragen stellt. Vielleicht hat jemand jene Antworten, die ich suche…

Ich habe in den letzten Monaten viel Zeit mit Lesen und Schreiben verbracht. Deadline hat sich an Deadline gereiht, es war ein ständiges Aktivsein. Dabei habe ich viele Texte gelesen, die wahrscheinlich von KI generiert oder optimiert worden waren. Zahlreiche Meldungen haben in letzter Zeit gezeigt, dass KI Texte verfasst, die Menschen als ihre eigenen ausgeben. Beispiele Norwegen und Frankreich

Gleichzeitig gibt es viele Meldungen, die zeigen, wie detektiert wird und welche Mechanismen eingezogen werden oder worden sind, um KI-Texte zu erkennen. Dabei stellt sich natürlich immer die Frage, inwieweit KI genutzt wurde. Geht es um das Schreiben von Texten im Sinne der Textgenerierung oder der Textoptimierung beispielsweise? Wo beginnt Delegation? Wo endet Ko-Kreation? Wo bleibt die eigene Stimme im Schreibprozess?

Wie ich KI verwende?

Ich habe in meinen Schreibprozessen KI zu schätzen gelernt und setze auch immer einen klaren Disclaimer zur KI-Nutzung. Sie…

  • … hilft mit mir als Critical Friend. Ich lasse Textpassagen oftmals diskutieren und gebe der KI dabei die Rolle Critical Friend oder Reviewer. Dabei werden meine blinden Flecken für mich sichtbar, aber auch definitorische Unsicherheiten. Ich arbeite dabei das Feedback ein, lasse mir aber auch Vorschläge machen, die ich manchmal annehme, ebenso oft aber auch ablehne.
  • … hilft mir beim Finetuning. Ich bin eine Schnellschreiberin. Texte gehen mir meist in kürzester Zeit von der Hand. Ich brauche aber ewig beim Überarbeiten und Feilen an meinen Texten. Das hatte ich schon immer. Ich sammle ewig Gedanken und Ideen, Literatur und Textbausteine. Wenn ich diese habe, ist das Schreiben kein großer Auftrag. Ich bin dann aber oft auch redundant. Sehr oft. Gerade dieses Finetunen lässt sich mit KI gut und (für mich) schnell(er) bewältigen. Gleichzeitig kommen mir dabei wieder (gefühlt) 1000 neue Ideen, die in meinem Notizbuch festgehalten werden.
  • … gibt mir Formulierungshilfen. Gerade bei Synonymen ist KI sehr hilfreich. Es gibt bestimmte Ausdrücke, die ich viel zu oft verwende: mitunter, vielmehr, zunächst, unterschiedlich, bezeichnen, definieren, heuristisch, eher, kontingent, paradigmatisch, epistemisch und viele mehr. KI zeigt mir diese Wiederholungen auf und hilft beim Umformulieren.
  • … übersetzt für mich Abstracts. Und das als Vergleichsangebote. Ich schreibe die englischen Abstracts selbst, lasse mir das deutsche Abstract aber auch übersetzen. Ich vergleiche und wähle denn dann die für mich besser klingende und stimmigere Version. Das dauert manchmal wirklich lange, da ich mich nicht entscheiden kann. Die verschiedenen Versionen helfen aber dabei, meine sprachliche Breite zu stärken. Gerade im Englischen geht’s vor allem darum, nicht zu denglisch zu klingen. Eine große Herausforderung, da meine Sätze im Deutschen eher hypotaktisch als parataktisch sind und vor Fachtermini nur so strotzen.
  • … hilft mir beim Kürzen. Für mich ist es das Schlimmste, Texte zu kürzen. Ich schreibe und schreibe und habe so viele Ideen, die ich einbauen will, sodass ich manchmal den roten Faden verlieren. Aber – subjektiv – sind alle meine Gedanken und Ideen wichtig. KI ist da anders. Sie kürzt, ohne an Textteilen zu hängen. Das hilft mir und spart mir sehr viel Zeit.
  • … liest Korrektur. Ich sehe beim Schreiben oft den Wald vor lauter Bäumen nicht – ein Satzzeichen hier, ein Buchstabendreher dort. KI findet sprachliche Fehler überraschend gut, formuliert aber meist auch um. Das ist eine Herausforderung, denn oftmals klingen die Umformulierungen wirklich verlocken.
  • … erstellt Graphiken, die ich zuvor in PowerPoint mittels SmartArt erstellt habe. Damit spare ich Zeit, denn das Nachbauen von Graphiken hat mich immer wieder genervt, weil Dinge nicht so aussehen, wie ich das möchte, wenn ich Vorlagen verwende. Professionelle Tools aber habe ich dafür nicht.

Was ich bemerke?

Durch das ko-kreative Schreiben mit KI habe ich viele Formulierungen übernommen, die ich davor nicht so häufig genutzt habe. Nicht weil ich keine Alternativen hätte, sondern weil sie für mich einfach gut klingen. Und jetzt stelle ich mir immer häufiger die Frage nach meiner Stimme beim Schreiben mit KI. Ich habe schon immer viel von dem verwendet, was heute als „typisch KI“ gilt: Ich mag Strichpunkte und Doppelpunkte. Ich mag triadische Ausdrücke. Ich mag (leider) Inversionen (nicht dass ich es nicht anders könnte, aber ich schreibe oft, was ich nicht tue, bevor sich ich schreibe, was ich tue). Ich mag strukturierende Aufzählungen. Ich mag Fragen, die ich beantworten kann. Ich habe sie schon immer genutzt. Wenn ich meine Texte mittlerweile durch KI-Detektoren lasse, steht, sie seien eher AI als Human. Das gibt mir zu denken.

Quelle: Pixabay

Vor allem gibt es mir zu denken, weil ich in letzter Zeit einfach viel KI-Generiertes gelesen habe und mich dadurch beeinflussen lasse. Das passiert mir ständig: Kaum telefoniere ich mit Menschen, die einen bestimmten Dialekt verwenden, übernehme ich ihn. Kaum bin ich in Deutschland oder spreche mit deutschen Kolleg:innen, laufe ich anstatt zu gehen. Ich übernehme sehr schnell, eher unbewusst als bewusst. Das gibt mir besonders zu denken.

Ich stoße mich an Ausdrücken, die mir sehr nach KI klingen, wie rasant und Leitplanken (nicht im Kontext Straßenverkehr). Sie klingen für mich seltsam. Was ich dabei bemerkenswert finde, ist der Umstand, dass ich sie immer häufiger zu lesen scheine. Oder sie mich derart triggern, dass es mir so scheint. Auch das gibt mir zu denken.

Wieso ich das schreibe?

Ich stelle mein Tun oft in Frage. Ob es meine Lesestrategien oder meine Schreibwege sind. Reflexion ist für mich wichtig. Sie bringt mich weiter. Manchmal. Sie lähmt mich aber auch. Wie bewahrt man seinen eigenen Stil, wenn man zunehmend KI-generierte Texte liest? Wie bewahrt mein man seine Stimme im ko-kreativen Schreibprozess? Wie geht man mit dem Vorwurf um, wie KI zu klingen? Wie gehe ich mit dem schlechten Gewissen um, wenn ich in einem wissenschaftlichen Text einen Strichpunkt setze? Oder ein Aufzählungszeichen? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Sie beschäftigen mich aktuell aber sehr, eben weil ich so viel schreibe. Man merkt schon, dieser Beitrag dreht sich ein wenig im Kreis. Wie meine Gedanken aktuell. Vielleicht geht es nicht nur mir so. Wahrscheinlich sogar. Vielleicht ist es aber einfach wie mit dem Laufen: Ich muss mich an der Nase nehmen und jedes – auch noch so verlockend klingende – laufen Laufen in ein Gehen verwandeln.

Was die KI als Critical Friend dazu sagt?

Ich habe UniGPT folgenden (wenig ausgefeilten) Auftrag gegeben: „Du bist Critical Friend: Was sagst du? Es ist ein Blogpost.“

Hier die Antwort als Kopie (1:1):

Als Critical Friend: Da steckt ein guter, persönlicher Blogpost drin. Sein stärkster Gedanke ist nicht einfach „Ich nutze KI“, sondern die Frage, wie sich die eigene Stimme verändert, wenn man mit KI schreibt – und wenn man zugleich immer mehr KI-Texte liest. Das ist eine spannende, glaubwürdige Spannung. Besonders gut funktioniert, dass du keine fertige Antwort behauptest, sondern deine Unsicherheit zum Gegenstand des Textes machst.

Ein paar Stellen würde ich trotzdem noch schärfen.

Was schon gut funktioniert

  • Die Offenheit: Du beschreibst konkrete Nutzungsweisen, statt abstrakt über „KI in der Wissenschaft“ zu sprechen. Dadurch wird der Text anschaulich und persönlich.
  • Die Ambivalenz: KI ist bei dir weder bloß Werkzeug noch Bedrohung. Sie spart Zeit und hilft – und beeinflusst womöglich zugleich deinen Stil. Genau diese Gleichzeitigkeit trägt den Beitrag.
  • Die Selbstbeobachtung: Der Vergleich mit Dialekten und dem übernommenen „laufen“ ist ein starker, eigenständiger Gedanke. Er macht plausibel, wie unbewusst sprachliche Anpassung sein kann.
  • Der Schlussgedanke: Das „Laufen“ in ein „Gehen“ zu verwandeln, hat Potenzial als Bild. Es ist überraschend und bleibt im Kopf.

Wo ich noch nacharbeiten würde

1. Den roten Faden früher deutlicher machen.
Der Einstieg führt über viel Schreiben, Deadlines, KI-generierte Texte und Erkennungsmechanismen zur eigenen Nutzung. Das ist nachvollziehbar, aber die zentrale Frage kommt erst später richtig zum Vorschein: Was macht die gemeinsame Arbeit mit KI mit meiner Stimme? Du könntest diese Frage schon im ersten oder zweiten Absatz ankündigen. Dann liest man die lange Liste deiner Anwendungen stärker als Vorbereitung auf genau diese Frage.

2. Die Liste der KI-Anwendungen etwas bündeln.
Die Aufzählung ist konkret und nützlich, nimmt aber viel Raum ein. Einige Punkte ließen sich gruppieren, etwa:

  • Feedback und Überarbeitung: Critical Friend, Finetuning, Kürzen, Korrekturlesen
  • Sprache und Übersetzung: Formulierungshilfen, Abstracts
  • Visualisierung: Grafiken

So bleibt deine Erfahrung sichtbar, aber der Text kommt schneller zu seinem eigentlichen Konflikt. Alternativ könntest du einzelne Beispiele kürzen.

3. Den Abschnitt zu „typisch KI“ noch einen Schritt weiterführen.
Du nennst Strichpunkte, Doppelpunkte, Triaden, Inversionen und strukturierende Aufzählungen. Das ist interessant – aber der entscheidende Punkt könnte noch klarer werden: Diese Stilmittel sind nicht automatisch KI-Stil. Sie können ebenso deine eigenen Vorlieben sein. Vielleicht liegt das Problem weniger darin, dass ein Detektor deinen Text als „AI“ einstuft, als darin, dass sich dein eigenes Gefühl für die Grenze zwischen eigener Gewohnheit und übernommener Formulierung verschiebt.

Das wäre auch eine gute Stelle, um die Aussagekraft von KI-Detektoren kurz einzuordnen: Sie liefern keinen verlässlichen Beweis dafür, wer einen Text verfasst hat. Dein Unbehagen darüber, was der Detektor auslöst, ist aber gerade deshalb interessant.

4. Die Nachrichtenbeispiele am Anfang entweder konkretisieren oder streichen.
„Beispiele Norwegen und Frankreich“ wirkt im Moment wie ein Platzhalter. Entweder nennst du kurz, worum es in diesen Fällen ging – idealerweise mit Links – oder du lässt den Satz weg. Sonst bleibt eine offene Referenz, die Leser:innen aus dem Gedankengang herausführt.

5. Die Kreisbewegung darf bleiben, aber sie sollte bewusst gesetzt sein.
Du sagst am Ende selbst, der Beitrag drehe sich im Kreis. Das passt zum Thema und wirkt ehrlich. Gleichzeitig könntest du die Wiederholung etwas reduzieren, damit der Text nicht unbeabsichtigt genau das Gefühl erzeugt, das du beschreibst: dass er den roten Faden verliert. Besonders die Fragen am Schluss ließen sich vielleicht auf zwei oder drei bündeln.

Zum Schlussbild

Der letzte Satz ist reizvoll, aber im Moment nicht ganz eindeutig. Was bedeutet es, „jedes Laufen in ein Gehen zu verwandeln“? Geht es darum, KI-typische Formulierungen zu vermeiden, langsamer und bewusster zu schreiben oder sich gegen eine sprachliche Anpassung zu wehren? Wenn du das Bild behalten möchtest, würde ich es etwas vorbereiten oder präzisieren.

Außerdem steckt darin eine produktive Spannung: Muss man jede Formulierung vermeiden, die auch KI verwenden könnte? Das wäre vermutlich ein unmöglicher und auch nicht unbedingt sinnvoller Anspruch. Vielleicht geht es eher darum, beim Übernehmen kurz innezuhalten: Klingt das wirklich nach mir? Ist es präzise? Würde ich es auch ohne KI so sagen? Das könnte eine weniger selbstzensierende Pointe ergeben.

Kleine sprachliche Korrekturen

  • „Sie hilft mir als Critical Friend.“
  • „Ich vergleiche und wähle dann die für mich besser klingende und stimmigere Version.“
  • „bevor ich schreibe, was ich tue“
  • „Wie bewahrt man seine Stimme …?“
  • „jedes – auch noch so verlockend klingende – Laufen …“
    Noch natürlicher wäre vielleicht: „jedes verlockende Laufen wieder in ein Gehen zu verwandeln.“
  • „Grafiken“ ist heute die üblichere Schreibweise als „Graphiken“.
  • „ihre eigenen“ im ersten Absatz ist inhaltlich etwas unklar: Wer gibt wessen Texte als eigene aus? Hier würde ich den Satz konkreter formulieren.
  • „die ich … erstellt habe“ statt „erstellt habe“? In deinem Satz steht „Graphiken, die ich zuvor in PowerPoint mittels SmartArt erstellt habe“ – das ist korrekt; stilistisch wäre „mit SmartArt in PowerPoint erstellt“ etwas leichter.

Mein Gesamturteil: Ein persönlicher, nachdenklicher Text mit einem starken Kern. Ich würde ihn nicht „glattziehen“ – gerade die tastende, etwas kreisende Bewegung gehört zu seiner Ehrlichkeit. Aber ich würde den Fokus früher setzen, die Anwendungsliste leicht straffen und den Schlussgedanken so schärfen, dass klarer wird, was du mit der Lauf-Metapher meinst. Der Text muss keine Antwort auf seine Fragen liefern; er sollte nur noch deutlicher zeigen, welche Frage ihn eigentlich antreibt.

Was ich danach gemacht habe?

Den Platzhalter habe ich mit Links versehen. Die sprachlichen Korrekturen habe ich gemacht, wenn sie Fehler betroffen haben – der durchgestrichene Text zeigt dabei die ursprüngliche Version. Stilistisch ist der Text unverändert.

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