tl;dr: Eigentlich würde ich gerne häufiger mit Open-Source-Tools arbeiten. Tue ich aber oft nicht, aus Gewohnheit und Bequemlichkeit. Gleichzeitig möchte ich mich nicht vollständig von einzelnen großen Anbietern abhängig machen. Deshalb suche ich nach Alternativen – und habe gerne die Wahl.
Zwischen Anspruch und Bequemlichkeit
Eigentlich mag ich Open Source. Mehr noch: Eigentlich würde ich gerne möglichst viel mit Open-Source-Tools arbeiten. Und nicht nur eigentlich. Und dann öffne ich doch wieder Padlet. Oder Canva. Oder Office. Oder…

Nicht, weil ich nicht wüsste, dass es Alternativen gibt. Sondern weil ich diese seit Jahren nutze, weil sie von Institutionen angeboten werden. Ich kenne sie, meine Routinen funktionieren, Materialien sind dort vorhanden und ich weiß ziemlich genau, wie ich schnell zu dem Ergebnis komme, das ich gerade brauche. Ich muss nichts umwandeln oder weiter bedenken. Ein neues Tool bedeutet dagegen zunächst einmal: ausprobieren, Funktionen suchen, herausfinden, was geht und was nicht geht. Und manchmal bin ich dafür schlicht zu bequem.
Das ist vermutlich kein besonders ungewöhnlicher Widerspruch und auch keine besonders gute Rechtfertigung. Unsere Toolwahl folgt eben nicht nur pädagogischen, technischen oder ethischen Kriterien. Sie folgt auch Gewohnheiten und Routinen. Und manchmal dem Weg des geringsten Widerstands.
Trotzdem möchte ich nicht ausschließlich von einigen wenigen Plattformen abhängig sein. Geschäftsmodelle können sich ändern. Funktionen können plötzlich kostenpflichtig werden. Nutzungsbedingungen können sich ändern. Dienste können verschwinden. Und nicht zuletzt stellt sich immer wieder die Frage, welche Daten wo verarbeitet werden. Daran denke ich seit Jahren und immer häufiger. Natürlich.
Deshalb möchte ich vor allem eines: die Wahl haben.
Nicht für alles braucht es etwas Großes
Dabei interessieren mich zunehmend die kleinen Tools, die sich schnell einsetzen lassen: Nicht jede digitale Aktivität braucht eine Plattform mit Benutzerkonto, Dashboard, Profil, KI-Assistent und fünfzehn Funktionen, die ich gar nicht benötige. Manchmal möchte ich einen QR-Code erzeugen. Eine Wortwolke erstellen. Gemeinsam etwas sammeln. Schnell eine Audiodatei aufnehmen. Karten sortieren. Eine kleine Abstimmung durchführen. Und danach das Browserfenster wieder schließen. Weil Unterricht manchmal auch spontan ist. Und man manchmal Dinge auch gar nicht speichern muss. Klar, wenn man speichern will, dann sind einige Anwendungen vielleicht weniger passend. Andere aber mehr. Ich möchte mich entscheiden können.
Genau für solche spontanen Situationen finde ich Sammlungen (kleiner) Open-Source-Werkzeuge interessant. Zwei+1 möchte ich hier teilen.
ZUM-Tools
Eine solche Sammlung findet sich bei den ZUM-Tools. Die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet bietet nicht nur Materialien als OER, sondern bündelt unterschiedliche Werkzeuge, die sich unmittelbar für Lehr- und Lernsituationen einsetzen lassen.
Dazu gehören beispielsweise ZUM-Pad für kollaboratives Schreiben, ZUM-DigiScreen als digitale Arbeitsoberfläche oder ZUM-Flexcards für digitale Karten. Daneben finden sich kleinere Werkzeuge wie ein Glücksrad oder ein Verbtrainer. Gerade das Glücksrad mach ich besonders. Anders als meine früheren Favoriten, insbesondere WheelDecide oder WheelofNames, das auf Werbung setzt und bunt und schreiend ist, und damit auch ablenkend wirkt, ist das Glücksrad reduziert. Puristisch. Oder auch bunt. Ich kann wählen. So mag ich das. Oder wie bei Wordwall, wo einfach das Anmelden lange braucht, dann das Finden. Die Auswahl ist überwältigend, aber manchmal auch zu viel.
ZUM-Tools ist keine vollständig integrierte Arbeitsumgebung – und genau das kann interessant sein. Ich muss nicht gleich meine gesamte Lehrveranstaltung pausieren, um ein einzelnes Werkzeug auszuprobieren – denn das Einloggen, das Wegklicken von Werbung und ähnliche Dinge brauchen einfach Zeit.
La Digitale
Umfangreicher ist die französische Sammlung La Digitale. Das Projekt entwickelt freie und quelloffene digitale Werkzeuge speziell für Bildungskontexte.
Die Namen verraten meistens schon ziemlich genau, was die einzelnen Anwendungen tun: Digiscreen stellt eine digitale Unterrichtsoberfläche bereit, Digistorm ermöglicht Umfragen und Abstimmungen, Digisteps dient der Erstellung von Lernpfaden, mit Digirecord lassen sich Audioaufnahmen erstellen, Digiwords erzeugt Wortwolken, Digicode QR-Codes und Digiblur entfernt Gesichter aus Fotos. Hinzu kommen Werkzeuge für kollaboratives Schreiben, Mindmaps, Whiteboards, PDFs, Audio und Video und vieles vieles mehr.
Gerade diese Sammlung erinnert mich daran, meine eigenen Routinen gelegentlich zu hinterfragen. Brauche ich für das, was ich gerade machen möchte, tatsächlich das Tool, das ich immer verwende? Oder gibt es eine kleine offene Lösung, die für diese eine Aufgabe genauso gut funktioniert?
Die Antwort muss dabei keineswegs immer Open Source lauten. Aber die Frage möchte ich mir zumindest stellen.
Und dann ist da noch CryptPad
CryptPad ist etwas anders gelagert. Es ist weniger eine Sammlung kleiner Einzelwerkzeuge als eine Open-Source-Umgebung für kollaboratives Arbeiten. Angeboten werden unter anderem Textdokumente, Tabellen, Präsentationen, Formulare, Kanban-Boards und Whiteboards. Ein wesentlicher Unterschied zu vielen bekannten Kollaborationsplattformen ist die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Hier braucht es eine Anmeldung. Das System ist Freemium. Auch hier geht es mir nicht darum, ab morgen alles andere zu ersetzen. Aber es ist gut zu wissen, dass eine solche Alternative existiert – und sie dann einsetzen zu können, wenn sie für eine bestimmte Situation besser passt. Und Cryptpad nutze ich tatsächlich schon lange, sehr lange.
Die Wahl haben
Vielleicht ist mein Verhältnis zu Open Source also weniger konsequent, als ich es gerne hätte. Und nicht nur vielleicht. Ich kenne die Argumente für offene Software: Unabhängigkeit, Transparenz, Anpassbarkeit, offene Standards und die Möglichkeit, Software selbst zu hosten oder weiterzuentwickeln. Gerade für Bildungseinrichtungen sind das keine nebensächlichen Fragen. Und trotzdem gewinnt bei mir manchmal die Gewohnheit.
Vielleicht muss die Konsequenz daraus aber auch gar nicht sein, von heute auf morgen jedes vertraute Werkzeug auszutauschen. Für mich ist der Schritt kleiner: Alternativen kennen. Sie ausprobieren. Und dort, wo es sinnvoll und praktikabel ist, auch tatsächlich nutzen. Denn am Ende möchte ich weder grundsätzlich gegen Canva und Padlet noch grundsätzlich für jedes Open-Source-Tool argumentieren. Ich möchte nur nicht alternativlos sein.
Ich habe gerne die Wahl.