Wider das Folument!

In einer Zeit, in der Information im Überfluss vorhanden ist und unsere Aufmerksamkeitsspannen begrenzt sind, hat sich die Kunst der Präsentation zu einem entscheidenden Werkzeug entwickelt, um Ideen effektiv zu kommunizieren und das Publikum zu begeistern. Ein paar Gedanken dazu.

Kennen Sie das? Sie sitzen im Auditorium, warten gespannt auf einen Vortrag. 30 Minuten soll er dauern (also 10 Folien, in 20 Minuten und einer Schriftgröße von mindestens 30 Punkt nach Kawasakis 10/20/30Rule of PowerPoint). Der Foliensatz öffnet sich. 48 Folien werden angezeigt. Nun, das wird knackig, denken Sie sich. Nach den ersten Folien wissen Sie jedoch: Das wird sich nicht ausgehen. Das Zuhören und Mitlesen fällt Ihnen zunehmend schwer. Die vortragende Person präsentiert Folien, die (vorbildlich?!) der 1-7-7-Regel folgen: Eine Idee pro Folie, maximal sieben Zeilen, maximal sieben Wörter. Die Folien wirken voll. Manches wird gelesen, manches wird übersprungen, manches wird in einer umgedrehten Reihenfolge präsentiert. Dann – mit Blick auf die Uhr – der Killersatz einer jeden Präsentation: Diese Folien kann ich aus Zeitgründen überspringen. Das Tempo der Präsentation erhöht sich. Mitlesen? Undenkbar! Zuhören? Undenkbar! Mitdenken? Wie soll das gehen?

Sie meinen, das sei übertrieben? Das sei doch auch eine Frage der Disziplin (sowohl der eigenen als auch der fachlichen)? Sowas komme doch nicht mehr vor? Ich muss Sie enttäuschen, diese Geschichte ist nicht frei erfunden, meine Antwort in Anlehnung an Jonathan Frakes‘ bekannten Satz aus X-Factor..  Zu viele Folien, zu volle Folien, vorgelesene Folien und ausgelassene Folien… All das kommt immer wieder vor. Leider zu oft. Sowohl in der Lehre als auch in Fortbildungen und sogar auf wissenschaftlichen Konferenzen. Dabei wissen wir, dass diese Art des Präsentierens wenig zielführend ist. Suchen Sie mal in der Suchmaschine Ihres Vertrauens nach Death by PowerPoint. [Wobei es eigentlich unfair ist, weil man PowerPoint gegen zahlreiche andere Tools austauschen könnte.]

Hier meine ersten fünf Ergebnisse aus den Jahren 2015 bis 2024, die interessanterweise aus unterschiedlichen Bereichen kommen:

Wenn Sie sich die Links angesehen haben, dann haben Sie sicherlich die Hinweise gelesen, dass man mit dem richtigen Tool den Death by PowerPoint verhindern kann. Auch hier muss ich Sie enttäuschen. Auch diese Geschichte ist frei erfunden (oder eben eine Marketing-Strategie).

Kognitive Überlastung

Ich habe schon in mehreren Blogbeiträgen auf die Cognitive Load Theory hingewiesen und dass es wichtig ist, dass unter den drei Belastungen – also der intrinsic, der extraneous und der germane load – gerade die von außen wirkende Belastung gering gehalten werden sollte, um für die lernbezogene Belastung Ressourcen zu haben. Dies umso mehr, wenn wir vor Personen präsentieren, die keine Expert:innen sind und deren Vorwissen nicht (ausreichend) ausgebildet ist. Gerade in multimodalen Kontexten ist es wichtig, die kognitive Belastung zu berücksichtigen. Richard Mayer hat in diesem Zusammenhang, aufbauend auf den Überlegungen der Cognitive Load Theory, seine Principles of Multimedia Learning formuliert. Auch er geht von einem limitierten Arbeitsgedächtnis aus, betont aber auf Ebene der Verarbeitung von Informationen, dass wir auf zwei verschiedenen Kanälen wahrnehmen: auditiv und visuell. Ein Exkurs in die Welt der gustatorischen und olfaktorischen Einflüsse wäre sicher interessant, aber sei an dieser Stelle bewusst ausgeblendet. Mayer meint eben, dass wir Informationen hören oder sehen. Am besten, so der Autor, werden Informationen verarbeitet, wenn wir sie sowohl auditiv als auch visuell wahrnehmen. ABER und nun kommt der wichtige Faktor: nicht redundant, nicht chaotisch.

Quelle: Pixabay

Ein Beispiel: Sie sehen einen Text auf einer Präsentation. Sie lesen diesen Text (vor ihrem inneren Ohr) und hören ihn. Nun liest auch der oder die Vortragende den Text. Sie sehen den Text, sie hören den vorgelesenen Text und sie hören den von Ihnen selbst vorgelesenen Text. Jede dieser Dekodierungen hat ein eigenes Tempo. Worauf konzentrieren Sie sich? Was nun, wenn die Person beim Lesen stolpert? Oder zwischendurch etwas erklärt. Hören Sie auf zu lesen? Hören Sie zu? Worauf konzentrieren Sie sich nun?

Duale Kodierung ja, aber…

Und stellen Sie sich diese Situation nicht unter Laborbedingungen vor, sondern in einem Auditorium, in dem es raschelt und knarzt. Die vortragende Person bewegt sich zudem. Der Text ist eventuell noch sehr kleine und Sie müssen die Augen beim Lesen zusammenkneifen. Erahnen Sie, worauf ich hinaus will? Sie sind mit dem Dekodieren so beschäftigt, dass Sie nicht mehr zuhören. Sie können die Augen schließen und zuhören. Aber wozu hat die vortragende Person dann Folien erstellt? Eine duale Kodierung, so Mayer, ist sinnvoll, aber nur wenn sie auf beiden Kanälen sich ergänzende Informationen liefert, die eben nicht redundant sind. Am besten sei, man präsentiere zum Beispiel eine Graphik ohne Text und beschreibt diese. Die Augen folgen der Graphik, die Ohren folgen der Beschreibung. Das nur ein Einblick in die Prinzipien nach Mayer, die jedenfalls eine Lektüre wert sind.

Eine Unart unserer Zeit

Eine Präsentation ist eine Präsentation, bei der die Präsentation im Zentrum steht. Zu oft Präsentation? Man kann es gar nicht oft genug sagen. Wir gehen zu Präsentationen, weil wir die Präsentationen hören wollen, nicht das Vorlesen von Folien, sage ich jetzt mal überspitzt. Die Folien könnten wir uns auch in Ruhe alleine durchlesen. Und das sind wir auch irgendwie gewohnt, denn eine Unart unserer Zeit ist es, Folumente (im Englischen Slideuments) zu erstellen. Garr Reynolds versteht darunter eine Kombination aus Folien und Dokumenten, die nicht nur für Präsentationen verwendet werden, sondern auch als eigenständige Informationsquellen dienen. Sie unterstützen nicht nur während einer Präsentation, sondern fungieren auch als Lernunterlagen oder Dokumentationen, die für sich genommen verständlich und informativ sind. Damit widersprechen Folumente aber auf vielen Ebenen sowohl den Prinzipien der Cognitive Load Theory als auch der Cognitive Theory of Multimedia Learning. Diese Folumente sind weder Fisch noch Fleisch. Das hat Garr Reynolds erkannt und mit Presentation Zen eine Handreichung zum Gestalten von Präsentationen entwickelt.

Presentation Zen

Um die Bedeutung von Presentation Zen zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die Entwicklung von Präsentationstechniken zu werfen. Während Präsentationen schon seit Jahrhunderten existieren, haben sich die Ansätze im Laufe der Zeit stark verändert. Früher wurden Präsentationen oft durch lange, textlastige Folien und/oder monotone Vorträge geprägt. Dies hat sich im digitalen Zeitalter mit dem Aufkommen von Präsentationssoftware wie PowerPoint, Prezi, Canva, Emaze und Keynote geändert. Jedoch hat die Verfügbarkeit dieser Tools nicht automatisch zu qualitativ hochwertigen Präsentationen geführt. Stattdessen sehen wir auch heute oft überladene Folien und einen Mangel an Fokus auf die wesentliche Botschaft. Und das obwohl schon Kinder lernen, wie man gute Präsentationen gestaltet, die auch auf Interesse stoßen – siehe hier zum Beispiel die Tipps von IQES online zum Thema Präsentieren ab dem 5. Schuljahr.

Am Punkt der Methodik setzt Presentation Zen an, indem der dahinterliegende Ansatz die Präsentationskultur grundlegend herausfordert und neue Wege aufzeigt, wie man mit Einfachheit, Klarheit und visuellem Design eine wirkungsvolle Präsentation erstellt. Garr Reynolds spricht sich zum Beispiel für eine Dreiteilung beim Präsentieren aus. Es gibt:

  • Präsentationsfolien, die die Inhalte visuell stützen
  • ein Handout (oder Skriptum), das das Publikum mit nach Hause nehmen kann
  • Präsentationskärtchen, die als roter Faden durch die Präsentation helfen

Oftmals habe man das Gefühl, die Folien seien alles in einem. Sie dienen den Vortragenden als Rahmen und helfen ihnen beim Zurechtfinden in der Präsentation. Sie sollen aber gleichzeitig auch der Dokumentation dienen und enthalten deshalb auch Informationen, die eigentlich Teil der Präsentation sein sollten. Sehr überspitzt kann hier zum Death by PowerPoint nachgelesen werden. Diese hybride Form des Foluments entsteht dabei oft aus pragmatischen Gründen (des Zeitmangels), oftmals aber auch aus Gewohnheit oder auch Unwissenheit. Dass man nach Präsentationsfolien nur schwer lernen kann, wissen viele Studierende…

Einfachheit, Klarheit, Reduktion

Presentation Zen basiert auf Prinzipien des Zen und der japanischen Ästhetik. Der Zugang lehrt uns, wie wir mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielen können. Auf seiner Webseite nennt Garr Reynolds ganz am unteren Ende:

Restraint in preparation. Simplicity in design. Naturalness in Delivery.

Garr Reynolds

Wir erkennen auch hier eine Dreiteilung. Als Kernpunkte seiner Theorie können wir folgende identifizieren:

  • 1. Einfachheit: Reduziere im Foliendesign und in der mündlichen Präsentation den Inhalt auf das Wesentliche und vermeide Überladenheit. Komm auf den Punkt! Das ist oft gar nicht so einfach! Es geht darum, (ganz im Sinne der Cognitive Load Theory und der Cognitive Theory of Multimedia Learning, die Reynolds auf seiner Webseite auch nennt) unnötigen Ballast zu eliminieren und sich auf die wichtigsten Informationen zu konzentrieren, um eine klare Botschaft zu vermitteln.
  • 2. Klarheit: Formuliere eine klare und prägnante Botschaft, die das Publikum leicht verstehen kann. Dies muss aber nichts mit Trivialität zu tun haben. Durch eine klare und prägnante (Bild-)Sprache wird sichergestellt, dass die Nachricht deutlich und eindeutig vermittelt wird.
  • 3. Visuelles Design: Verwende ansprechende visuelle Elemente, um die Botschaft zu unterstützen und das Publikum zu fesseln. Setze dabei auf die Kraft von Geschichten, um eine emotionale Verbindung herzustellen und die Botschaft zu verankern. Dabei können Techniken des Storytellings helfen. Und auch der Tipp, für die letzte Reihe zu designen.

Beachtet man diese Prinzipien von Presentation Zen, hat man eine Art Leitfaden für die Erstellung überzeugender Präsentationen, die sowohl ästhetisch ansprechend als auch inhaltlich stark sind. Sie vermeiden einen Death by PowerPoint:

Man kann der Geschichte folgen. Ohne zu viele Worte. Man kann sich eine Geschichte erzählen. Ich finde, die Präsentation ist gelungen. Was meinen Sie?

Ja, aber doch nicht in der Schule…

Das Werk von Garr Reynolds hat einen bedeutenden Einfluss auf die Präsentationskultur gehabt und zahlreiche Fachleute inspiriert, ihre Präsentationsmethoden zu überdenken und zu verbessern. Unternehmen, Organisationen und Keynote-Speaker:innen weltweit haben begonnen, die Prinzipien von Presentation Zen in ihre eigenen Praktiken zu integrieren, was zu klareren, wirkungsvolleren Präsentationen geführt hat. Dies lässt sich zumindest vermuten, wenn man die Verkaufszahlen von Garr Reynolds Büchern betrachtet, die man durchaus als Bestseller bezeichnen kann.

Die Prinzipien von Presentation Zen sind aber nicht nur für Geschäftsleute relevant, sondern haben auch im Bildungsbereich eine große Bedeutung. In einer Zeit, in der visuelle Kommunikation eine Schlüsselkompetenz ist, ist es wichtig, Schüler:innen beizubringen, wie sie ihre Ideen auf klare und überzeugende Weise präsentieren können. Indem Schüler:innen die Prinzipien von Einfachheit, Klarheit und visuellem Design verstehen und anwenden lernen, können sie nicht nur bessere Präsentationen erstellen, sondern auch ihre Fähigkeiten in der Kommunikation und im Storytelling verbessern.

Sehen wir uns ein (meines Erachtens gelungenes) Beispiel an:

63 Folien, die sich präsentieren lassen. Wie lange die Präsentation dauert, hängt vom Storytelling ab. Die Information ist klar (visualisiert), die Botschaft kann durch die vortragende Person aber noch in die eine oder andere Richtung ausgedeutet werden. Was ist das Ziel der Präsentation? Wozu halte ich eine Präsentation? Welchen Zweck verfolge ich? Diese Fragen kann ich aufgrund der Präsentationsfolien alleine nicht beantworten. Dafür bräuchte ich die Präsentation. Gehört. Gesehen. Erlebt.

Insgesamt kann Presentation Zen nicht nur die Art und Weise verändern, wie wir präsentieren, sondern auch die Art und Weise, wie wir lernen und lehren. Es eröffnet uns eine neue Perspektive auf die Kunst der Präsentation und zeigt uns, wie wir mit Minimalismus und Ästhetik eine maximale Wirkung erzielen können. Und dabei die Präsentation als Präsentation – man erkenne die sprachliche Nähe zu Präsenz – leben und nicht als Vortrag.

Prepare, Design, Deliver

Garr Reynolds gibt uns aber nicht nur Einfachheit, Klarheit und visuelles Design als Aufgabe mit. Im oben angeführten Zitat sind auch die drei Phasen genannt: Preparation, Design, Delivery. Reynolds rät dabei, zuerst den Vortrag zu schreiben und diesen anschließend auf das Essenzielle zu reduzieren, um aus der Essenz die Folien designen zu können. Andersrum ist es schwieriger. Ich weiß das, denn ich habe früher selbst zuerst die Folien gemacht und mir dann überlegt, was ich dazu sagen möchte. Diese Richtung hat auch ihren Reiz, aber das Finden der Essenz ist nicht immer ganz so einfach. Um diesen Dreischritt zu lernen, gibt Garr Reynolds wertvolle Tipps auf seiner Homepage unter Presentation Zen TIPS. Man muss sich nicht unbedingt seine Bücher kaufen, die Essenz findet sich auch in den Tipps.

Weitere Tipps:

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