Drei Tage lang fand in München der jährliche Kongress der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung statt. Man könnte auch sagen: Bildungsforschung 2026: Wenn Bildung plötzlich Zukunft verhandeln muss und doch das Vergangene im Herzen trägt. Ein paar Gedanken.
Man kann Kongressprogramme auf zwei Arten lesen: entweder als Liste von Vorträgen – oder als Diagnose einer Disziplin. Das Programm der GEBF 2026 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Denn schon ein Blick auf die Dimensionen zeigt: Hier geht es nicht um Randfragen, sondern um ein Feld in Bewegung.
- Über 80 Symposien, rund 200 Einzelbeiträge, etwa 120 Poster und zusätzliche offene Formate verdichten sich zu einem Panorama aktueller Bildungsforschung.
- 3 Keynotes aus ganz unterschiedlichen Bereichen – der Didaktik, der Soziologie und des Managements.
- Und hinter diesem Programm stehen mehr als 1.100 Einreichungen – ein deutliches Signal dafür, wie stark das Thema derzeit unter Druck und gleichzeitig in Entwicklung ist.
Und ganz ehrlich: Es ist genau diese Art von Tagung, die ein ganz eigenes Problem produziert, nämlich
FOMO auf akademischem Niveau
Man blättert durch das Programm (hier tatsächlich ganz retro ausgedruckt in einem Buch, aber begleitet von einem PDF und einer App – für jede:n war der passende Weg dabei), markiert, plant, priorisiert – und merkt spätestens nach der zweiten Session: Egal, wo man gerade sitzt, irgendwo läuft gerade etwas, das man genauso gerne hören würde. Die heimliche Leitfrage solcher Kongresse lautet deshalb nicht nur „Was ist relevant?“, sondern auch: „Wo wäre ich jetzt genauso gern oder sogar noch lieber?“

Oder, weniger elegant formuliert: Man hätte sich zwischendurch wirklich gerne geklont. Ich durfte im Zuge eines Symposiums zu Bildungsgerechtigkeit einen Beitrag zum Dekodieren von Bild-Text-Konstrukten halten. Parallel zu diesem Slot fanden 20 andere Slots statt, die ich nicht bewusst ausgeblendet habe, um mich nicht zu sehr zu ärgern.
Zwischen all diesen Beiträgen entsteht jedenfalls ein ziemlich klares Bild: Bildung ist nicht mehr damit beschäftigt, sich zu optimieren. Sie versucht gerade, sich neu zu verstehen.
Vom Werkzeug zur Bedingung?
Was beim Lesen des Programms auffällt: Digitale Technologien sind kein „Thema“ mehr neben anderen. Sie sind die Bedingung, unter der nahezu alle Bildungsfragen neu gestellt werden müssen/können/dürfen. Technologie wird dabei im Wortsinne sehr weit gedacht und weniger die Technologien als ihre Konsequenzen werden thematisiert (positive wie negative). Das zeigt sich quer durch die Beiträge:
- bei der Frage nach Kompetenzen für eine ungewisse Zukunft
- bei der Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen
- bei Diskussionen über Teilhabe und Ungleichheit
Die schiere Menge an Beiträgen macht dabei etwas sichtbar, das man leicht übersieht: Es geht längst nicht mehr um einzelne Innovationen, sondern um eine systemische Verschiebung.
Oder zugespitzt: Nicht Bildung reagiert auf Technologie – Technologie strukturiert zunehmend, was als Bildung gedacht wird oder unter welchen Bedingungen Bildung „passiert“ oder (v)er(un)möglicht wird.
Zwischen Aufbruch und Reibung
Die Vielfalt von über 300 Beiträgen wirkt dabei weniger wie ein klarer Trend – und mehr wie ein produktives Durcheinander. Zwischen empirischen Studien, Unterrichtsbeispielen und systemischen Analysen entstehen Spannungsfelder, die sich durch das gesamte Programm ziehen:
- Individualisierung vs. Standardisierung
- Innovation vs. Überforderung
- Effizienz vs. Bildung als Selbstzweck
Gerade diese Reibung ist kein Problem, sondern ein Zeichen dafür, dass die Disziplin arbeitet. Was ich für mich mitnehme: Es geht nicht mehr darum, Bildung besser zu machen – sondern darum, herauszufinden, was „besser“ überhaupt heißt. Und damit auch die Kriterien guten Unterrichts und dessen Voraussetzungen.
KI, Sprachen und Didaktik: Wenn das Schreiben nicht mehr das Problem ist
Besonders aufschlussreich sind die verschiedenen Beiträge rund um KI im Kontext von Sprache und Lernen – auch wenn sie sich über zahlreiche Sessions verteilen und nicht als ein einzelner Block auftreten. Gerade die große Anzahl an Beiträgen macht sichtbar: Das Thema ist kein Nischendiskurs mehr, sondern Teil des Mainstreams der Bildungsforschung.
Und hier zeigt sich ein leiser, aber tiefgreifender Wandel. Dachte man früher noch: „Schreiben können heißt lernen können.“, dann ist das nicht falsch, aber mit KI gerät genau diese Gleichung ins Wanken. Denn wenn Texte jederzeit generiert werden können, verschiebt sich der Fokus:
- vom Produzieren zum Überarbeiten
- vom Formulieren zum Reflektieren
- vom Schreiben zum Umgang mit Geschriebenem
Viele Beiträge deuten genau in diese Richtung. KI wird zwar als Unterstützung untersucht – etwa für Feedback, Sprachpraxis oder Textproduktion. Gleichzeitig wird aber deutlich: Sie macht sichtbar, dass die eigentliche Kompetenz vielleicht ganz woanders liegen könnte. Die entscheidende Frage lautet vielleicht nicht mehr: „Wie schreibe ich einen guten Text?“ sondern: „Wie gehe ich kompetent mit Texten um – auch wenn sie nicht (nur) von Menschen stammen?“ Was macht es mit mir, wenn ich nicht mehr alleine etwas produziere, dafür aber die Verantwortung übernehmen muss und die auch die Konsequenzen tragen. Selbstwirksamkeit ist ein Thema, Overreliance, Metacognitive Awareness, die Fähigkeit zum Selbstregulierten Lernen und vieles mehr.
Und jetzt?
Was bleibt nach diesem Blick ins Programm? Vielleicht genau diese Kombination aus Größe und Ungewissheit:
Mehr als 300 Beiträge – und dennoch keine einfachen Antworten.
Das ist kein Widerspruch, sondern der Punkt.
Denn die zentrale Herausforderung ist nicht technischer Natur. Sie ist didaktisch, kulturell und letztlich wohl auch bildungstheoretisch und gesellschaftspolitisch: Welche Formen von Wissen, Können und Verstehen wollen wir eigentlich fördern – in einer Welt, in der Maschinen immer mehr davon übernehmen können? Wie ermöglichen wir Gerechtigkeit und verhindern Ungerechtigkeiten (bzw. ihre Verstärkung)?
Das Überraschende zum Schluss
Und dann – fast beiläufig – taucht im Programm ein Symposium auf, das so gar nicht in die erwartbare Logik passt: Latein. So auch die einleitenden Worte zum Symposium, für das ich mich entschied, weil die Diskussion um Latein und die zweite lebende Fremdsprache in Österreich aktuell nun mal so ist, wie sie ist. (Seufz! Fun Fact übrigens: „Jede einzelne Rückmeldung fließt in die Ausarbeitung des ‚Plan Zukunft‘ ein, mit dem wir gemeinsam eine tragfähige Vision für die Schule von morgen entwickeln wollen.“ steht auf der Seite Bildung fürs Leben. Da steht auch, dass 46.000 Personen an der Umfrage teilgenommen haben, in den Folien werden unter „Zielgruppe“ knapp 45.000 gelistet.) Inmitten von KI, Digitalisierung und Zukunftsdiskursen wirkt das Lateinsymposium zunächst wie ein Anachronismus. Oder vielleicht gerade nicht.
Denn vielleicht liegt genau darin eine der spannendsten, unausgesprochenen Fragen dieses Kongresses: Was bleibt – und was verändert sich – wenn sich die Bedingungen (des Lernens, auf gesellschaftlicher Ebene, auf zwischenmenschlicher oder Mensch-Maschine-interaktionaler Ebene) radikal wandeln? Dass ein Fach wie Latein hier seinen Platz hat, ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis: Bildung verhandelt nicht nur Zukunft. Sie verhandelt immer auch ihr Verhältnis zur Vergangenheit. Und das Symposium hat gezeigt, wie aktiv die Fachgruppe Latein sich mit ganz allgemeinen Fragen des Lernens und der Bildung auseinander setzt. Gar nicht tot, sondern quicklebendig.