Prompting gehört inzwischen zu den Schlüsselkompetenzen im Umgang mit KI – und doch bleibt es im Unterricht oft erstaunlich abstrakt. Schüler:innen sollen „gute Prompts“ formulieren, ohne wirklich zu verstehen, wie ein Prompt eigentlich funktioniert. Genau hier setzt eine didaktisch ebenso einfache wie wirkungsvolle Idee an: Prompting mit Karten. Wer verstehen will, wie Prompting funktioniert, sollte nicht nur darüber sprechen – sondern damit spielen.
Statt fertige Eingaben zu analysieren, zerlegen die Lernenden Prompts in ihre Bestandteile – und setzen sie selbst wieder zusammen. Was zunächst spielerisch wirkt, eröffnet einen tiefen Einblick in Struktur, Wirkung und Prozess des Promptings. Diese Methode verfolgt ein Ziel im doppelten Sinne: Prompting soll begreifbar werden – als etwas, das man verstehen und gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes greifen kann.
Prompting sichtbar und greifbar machen: Vom Text zum Baukasten
Ein Prompt wirkt auf den ersten Blick wie ein zusammenhängender Text. Tatsächlich besteht er jedoch aus verschiedenen Elementen, die jeweils eine eigene Funktion erfüllen: ein Arbeitsauftrag, ein Thema, ein Kontext, manchmal auch eine Rolle.
Im Kartenansatz werden genau diese Elemente voneinander getrennt. Es entstehen Kartensets mit unterschiedlichen Kategorien, etwa Verben („beschreibe“, „erkläre“, „vergleiche“), Hauptwörtern („Hund“, „Klimawandel“, „Märchen“) sowie Kontexten („für Kinder“, „als Gedicht“, „in einfacher Sprache“) oder Rollen („du bist ein Lehrer“, „eine Wissenschaftlerin“).
Was dabei passiert, ist mehr als nur Strukturierung: Indem Schüler:innen diese Karten kombinieren, entsteht ein Prompt nicht mehr als spontaner Texteingabe, sondern als bewusst zusammengesetzte Struktur. Prompting wird damit nicht nur verständlicher, sondern auch manipulierbar – im besten Sinne: veränderbar, überprüfbar und reflektierbar. Schüler:innen halten die Bestandteile eines Prompts dabei buchstäblich in der Hand. Sie können sie verschieben, austauschen, neu kombinieren. Prompting wird so nicht nur kognitiv zugänglich, sondern auch körperlich erfahrbar.
Gerade in dieser Verbindung liegt die Stärke: Verstehen entsteht durch Handeln.
Primarstufe: Sprache begreifen – im Kopf und in der Hand
In der Primarstufe liegt der Fokus auf Reduktion und Erfahrung. Die Arbeit mit Karten konzentriert sich zunächst vor allem auf Verben, also auf das, was die KI tun soll. Diese scheinbar einfache Entscheidung hat große Wirkung.

Ein Prompt wie „Beschreibe einen Hund“ erzeugt eine andere Antwort als „Erzähle eine Geschichte über einen Hund“ oder „Erkläre, was ein Hund ist“. Wenn Schüler:innen nun gezielt nur das Verb austauschen und alle anderen Elemente gleich lassen, entsteht ein direkter Vergleich. Genau dieser Vergleich ist der didaktische Kern: Die Kinder erkennen, dass kleine sprachliche Veränderungen große Auswirkungen haben können. Sie beginnen zu verstehen, dass ein Prompt kein beliebiger Satz ist, sondern eine gezielte Handlungsanweisung.
Doch entscheidend ist nicht nur der Vergleich der Ergebnisse, sondern auch der Weg dorthin: Die Kinder nehmen eine Karte, legen sie ab, ersetzen sie durch eine andere. Sie tun etwas – und sehen unmittelbar die Wirkung.
Prompting wird hier im doppelten Sinne „begriffen“:
- als mentales Verstehen von Zusammenhängen
- und als haptisches Erleben von Struktur und Veränderung
So entsteht ein erstes, intuitives Verständnis dafür, dass Sprache Wirkung erzeugt – auch im Dialog mit KI. Dabei geht es weniger um richtige oder falsche Formulierungen als um das Entdecken von Zusammenhängen. Die Schüler:innen beobachten, beschreiben und vergleichen. Prompting wird so zu einer Form des forschenden Lernens – niedrigschwellig, aber erkenntnisreich.
Sekundarstufe: Differenzierung, Tiefe und Reflexion eines komplexen Prozesses
Mit zunehmendem Alter bzw. kognitiver Reife können die Karten differenzierter und die Aufgaben komplexer werden. Verben wie „analysiere“, „bewerte“ oder „diskutiere“ erweitern das Spektrum ebenso wie spezifischere Kontexte und bewusst eingesetzte Rollen.
Auch hier bleibt die haptische Komponente zentral, verliert aber nicht an Bedeutung – im Gegenteil:
- Die Karten helfen dabei, auch komplexe Promptstrukturen überschaubar und manipulierbar zu halten.
Neu hinzu kommt eine vertiefte Reflexion. Schüler:innen arbeiten nicht nur mit Variationen, sondern vergleichen gezielt:
- unterschiedliche Prompt-Versionen
- verschiedene KI-Systeme
- divergierende Ergebnisse
Der gleiche Prompt kann je nach Chatbot unterschiedlich ausfallen – und genau diese Unterschiede werden zum Ausgangspunkt für Analyse und Bewertung. Damit verändert sich gleichzeitig die Zielrichtung: Es geht nicht mehr nur darum, Unterschiede wahrzunehmen, sondern diese auch zu begründen und zu bewerten. Warum ist eine Antwort ausführlicher? Warum wirkt eine andere strukturierter oder verständlicher? Eine zentrale Erweiterung besteht darin, dass Schüler:innen ihre Prompts nicht nur variieren, sondern auch in verschiedenen KI-Systemen testen. Der gleiche Prompt kann je nach Chatbot nicht nur inhaltlich unterschiedliche Ergebnisse liefern – in Ton, Tiefe oder Genauigkeit (siehe beispielsweise die Arena der Large Language Models).
Dieser Vergleich eröffnet eine neue Ebene der Reflexion: Die Lernenden erkennen, dass nicht nur ihr Prompt das Ergebnis beeinflusst, sondern auch das System selbst. Prompting wird Teil einer umfassenderen Medien- und KI-Kompetenz und damit als das erfahrbar, was es ist: ein Zusammenspiel aus Sprache, System und Kontext.
Prompting als iterativer Prozess: Denken durch Verändern
Ein besonders wichtiger Lernschritt besteht darin, Prompting nicht als einmalige Eingabe und damit Handlung zu verstehen, sondern als iterativen Prozess. Karten machen genau diesen Prozess sichtbar.
Ein Element wird ausgetauscht, ein anderes ergänzt, ein drittes präzisiert – und jedes Mal verändert sich das Ergebnis und eventuell die Einsicht. Diese Veränderungen sind nicht abstrakt, sondern konkret nachvollziehbar, weil sie auf klar identifizierbaren Bausteinen beruhen.
Schüler:innen lernen so, dass sie Prompts aktiv gestalten können.
Sie erleben sich nicht als passive Nutzer:innen, sondern als handelnde Akteur:innen, die durch gezielte Entscheidungen Einfluss nehmen. Schüler:innen erleben so, dass gute Prompts nicht „auf Anhieb“ entstehen, sondern durch Ausprobieren, Vergleichen und Überarbeiten. Sie lernen, ihre eigenen Eingaben zu hinterfragen und gezielt zu verbessern.

Auch hier zeigt sich erneut das doppelte „Begreifen“: Durch das Verändern mit der Hand entsteht ein vertieftes Verstehen im Kopf.
Prompt Literacy: Eine neue Form von (be-)greifbarer Kompetenz
Was sich durch diese Arbeit entwickelt, lässt sich als Prompt Literacy beschreiben. Gemeint ist damit mehr als nur die Fähigkeit, KI zu bedienen. Es geht um ein Verständnis dafür,
- wie Sprache wirkt,
- wie Aufgaben präzise formuliert werden können,
- wie Ergebnisse kritisch eingeordnet werden
- und wie der eigene Einfluss auf diese Ergebnisse aussieht.
Der Kartenansatz unterstützt genau diese Kompetenzen, weil er Struktur sichtbar und Prozesse nachvollziehbar macht und so Variation ermöglicht – und weil er Lernen nicht nur kognitiv, sondern auch handelnd und erfahrbar gestaltet. Er verbindet sprachliches Lernen mit digitaler Bildung – und zeigt, dass beides nicht getrennt voneinander gedacht werden kann.
Prompting verstehen heißt Prompting begreifen
Prompting lässt sich nicht allein durch Regeln oder Beispiele vermitteln. Es braucht Erfahrungsräume, in denen Lernende ausprobieren, vergleichen und reflektieren können.
Karten schaffen genau einen solchen Raum. Sie reduzieren Komplexität, ohne sie zu banalisieren, und eröffnen einen Zugang, der sowohl für jüngere als auch für ältere Schüler:innen geeignet ist. Sie machen aus einer abstrakten Praxis eine konkrete Handlung – und aus einer unsichtbaren Struktur etwas, das man sehen und anfassen kann.
Oder anders gesagt:
Prompting versteht man am besten, wenn man es begreift – im Kopf und in der Hand.