[Beitragsparade] Beziehungen pflegen im Distanz-Unterricht

Während der Distanz-Lehr-Lern-Phase hatte ich vor allem ein Gefühl: Vernachlässigung. Mein Mittel dagegen: Achtsamkeit. Achtung: Dieser Beitrag ist sehr persönlich – aber das Aufschreiben tut gut und vielleicht erkennt sich der eine oder die andere auch wieder.

Für die Beitragsparade im Oktober 2020 wurde ein spannendes Thema gewählt, das uns in den letzten Wochen und Monaten begleitet und bewegt hat. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das Sprechen ist auch ein soziales Handeln. Was aber wenn man das Gegenüber nicht sieht? Was aber wenn man gegen eine Wand spricht? Was wenn man sich einfach alleine und überfordert fühlt? Haben Sie schon mal probiert, am Telefon Ironie und Sarkasmus zu erkennen? Schauen Sie sich hierzu die Theorie der Media Richness bzw. Social Presence an (z.B. hier). Ich bin mir sicher, da kommt das eine oder andere Kopfnicken als Reaktion.

Das Potential digitaler Medien

Man kann über den Wert oder Mehrwert digitaler Medien denken, was man möchte. Man kann das SAMR-Modell gut- oder schlechtheißen. In den Tagen und Wochen des Lockdowns haben sie jedenfalls ihr Potential gezeigt. Einige Server sind zusammengebrochen, die Lernenden haben viel zu viele Arbeitsblätter und Apps bekommen. Didaktisch ist viel richtig gelaufen, aber eben auch viel sehr falsch. Solange wird daraus lernen, hat sowohl das eine als auch das andere seine Daseinsberechtigung. Das steht in diesem Beitrag gar nicht zu Debatte. Es geht um die Kommunikation und emotionale Ebene. Es geht um die Beziehungsebene. Es geht um die Nähe in der Distanz.

Bild von congerdesign auf Pixabay 

Ich selbst hatte während des Lockdowns Geburtstag. Und eigentlich hatte ich mir an diesem Tag ein besonderes Konzert geschenkt. Es sollte ein Tag werden, an den ich immer gerne zurückdenken würde. Ein wahrlich besonderer Tag. Und das war er schließlich auch. Ich bekam auf allen nur erdenklichen Kanälen Nachrichten: Snapchat, Twitter, Facebook, Instagram, WhatsApp. Ich wurde angerufen, bekam SMS, Mails und Briefe. Liebe Freunde haben eine Telefonkonferenz aufgemacht, um mir ein Ständchen zu singen. Andere haben einen Videocall auf WhatsApp gestartet und einfach kurz getratscht. Eine Person hat ein kurzes Gedicht zusammengereimt und am Telefon vorgetragen. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, alleine, einsam oder vergessen zu sein. Die Kanäle waren sehr unterschiedlich, aber die vermittelte Nähe war da. Und gerade die unterschiedlichen Kanäle und somit unterschiedlichen Zugänge haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dieses Gefühl habe ich für mich auch für die Lehre mitgenommen.

Asynchron ist praktisch, synchron ist wertvoll

Ich habe anfangs viel asynchrone Lehre eingeplant. Arbeitsaufträge zusammengestellt, Videos erstellt – oftmals bis spät in die Nacht. Ich hatte knapp 400 Studierende in sogenannten Lehrveranstaltungen mit immanentem Prüfungscharakter zu versorgen. Ich wollte ihnen das Konsumieren so einfach wie möglich machen – so flexibel wie möglich. Ich wusste nicht, ob jemand Betreuungspflichten hat oder zusätzliche ehrenamtliche Tätigkeiten übernimmt. Jede*r lernt, wenn es am besten passt. Die Zeiteinteilung ist flexibel, die Fristen von langer Hand bekannt. Der sogenannte Stoff (und ich mag das Wort eigentlich nicht) wird vermittelt. Alles ganz individuell und flexibel.  In prüfungsimmanenten Veranstaltungen geht es dabei aber auch stark um Interaktion und um den Austausch untereinander. Man lernt voneinander, man lernt miteinander. Das war mir bewusst, aber ich war so auf die Vermittlung des Inhalts konzentriert, damit ja kein Nachteil für die folgenden Semester entsteht, dass ich auf die Interaktion zu wenig geachtet hatte. Und somit habe ich sie anfangs eher mit Inhalten versorgt, als die Studierenden begleitet. Klar gab es Peer Feedback, Paararbeiten, Forendiskussionen und gemeinsam zu schreibende Texte. Aber das meiste war dennoch schriftlich und asynchron.

Im Laufe des Semesters plante ich also um – setzte auf mündliche Arbeitsaufträge (aufgenommen über Vocaroo) und gab auch mündliches Feedback. Einzelne synchrone Einheiten wurden eingestreut, damit der Austausch in Echtzeit passieren konnte. Und wenn auch die Technik nicht immer mitspielte, so merkte man an den Reaktionen der Studierenden, dass ihnen diese synchronen Momente sehr wertvoll und wichtig waren.

Mediendidaktisch eigentlich klar…

Das Lieblingswort der Mediendidaktikerin: eigentlich. Nun, die Erkenntnis, dass Beziehungen wichtig sind, ist ja keine neue. Gilly Salmon hat in ihrem Modell der eModeration klar beschrieben, welche Rolle eModerator*innen einnehmen sollen und welche Schritte sie machen müssen, damit die Lerner*innen sich in einem virtuellen Kurs gut aufgehoben fühlen. Die Beziehungspflege ist dabei besonders wichtig. Man vergisst aber, dass man im virtuellen Raum, Beziehungsräume anlegen muss. Man kann nicht einfach am Gang oder im Konferenzzimmer oder Büro schnell angesprochen werden. Das Anklopfen und das Den-Kopf-Bei-Der-Tür-Reinstecken gibt es virtuell nicht. Termine müssen vereinbart werden, Räume erstellt, der Aufwand ist ungemein größer, als man nicht einfach auf eine Frage lächelnd und nickend antworten kann, sondern in einem E-Mail auch gewisse formale Strukturen eingehalten werden müssen/soll(t)en.

… und eigentlich ganz einfach

Was ich folglich gemacht habe, ist ein Suderraum. Die Studierenden bekommen die Möglichkeit, vor der LV in einem eigenen Raum ein wenig Psychohygiene zu betreiben, indem sie sich mit den anderen über ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Probleme, Ängste austauschen können. Das ist eine Videokonferenz-Session, die vor der Lehrveranstaltungseinheit angesetzt ist und an der ich persönlich natürlich nicht teilnehme. Aber das Sudern hilft. Denn solche Sudermomente haben wir Lehrende uns auch geschaffen: ein regelmäßiger Kaffee, gemeinsam über Zoom konsumiert. Man konnte sich austauschen, Erfahrungen teilen oder einfach nur über die Situation schimpfen. Reden hilft und es hilft auch, wenn einem zugehört wird und man sein Gegenüber sieht.

Daran bin ich aufgrund der technischen Ausstattung in einigen Lehrveranstaltungen leider gescheitert. Ich habe einzelne Studierende nie gesehen, weil sie keine Kamera hatten. Wer kann es ihnen verübeln – es war auch nicht so einfach, Kameras zu bestellen. Studierende konnten ihren Jobs nicht mehr nachgehen, die gesamte Situation war auch eine finanziell stark belastende. So hatte ich manchmal das Gefühl, vor einer Wand zu stehen und mit ihr zu sprechen. Man sah nur die Anfangsbuchstaben oder die Avatare der Studierenden. Man sah keine Reaktionen, kein Nicken, kein Lächeln, keine Fragezeichen in den Augen. Die (nonverbalen) Rückmeldungen waren einfach nicht da. Wie mir die Studierenden auch bestätigten, ist die Hemmschwelle eine Frage in einem Mail zu stellen viel höher als die Hand zu heben. Ich kann das gut verstehen. Und deshalb gab es in einigen Kursen ein Padlet, auf dem die Studierenden ihre Fragen anonym und in Echtzeit stellen konnten, ohne den formalen Weg des E-Mails anzuhalten. Keine Anrede, kein Betreff, keine Verabschiedung. Einfach nur die Frage. Und die Antwort konnte in der synchronen Einheit live erfolgen oder als Sprachnachricht.

Und dennoch hatte ich das Gefühl der Vernachlässigung.

Nicht nur mir gegenüber sondern vor allem meinen Studierenden. Ich hatte das Gefühl, nicht ausreichend für sie dazu zu sein. Ich schrieb ständig Mails, ich nahm Sprachnachrichten auf, ich hatte mehrere Sprechstunden pro Woche (nicht nur eine). Ich war eigentlich 24/7 für die Studierenden da, aber hatte dennoch das Gefühl, dass es nicht ausreicht. Mir war klar, dass die Situation eine psychisch belastende ist und ich wollte einfach für die Studierenden auch da sein. Sie erzählen mir auch im „normalen“ Alltag immer wieder aus ihrem Leben, von ihren Ängsten und Sorgen oder auch von ihren Erfolgen. Ich mag diese Gespräche – sie zeugen von Vertrauen und Wertschätzung. Diese wertvollen Momente haben mir gefehlt.

Neuer Trend: Achtsamkeit?

Es gibt viele kluge Ratschläge, die uns dabei helfen, Beziehungen auch auf Distanz zu pflegen (auf der Seite von lernendigital.at kompakt unter Didaktik und unter Work-Life-Balance zusammengefasst – oder in der Sonder-Reihe der PH Tirol – als Aufzeichnungen von Online-Vorträgen). Wichtig ist aber, auch auf sich selbst zu schauen und die eigene Kraft und Energie zu erhalten.

Es geht um das Bewusstsein. Auch das Sich-Selbst-bewusst-Sein. Nennen Sie es Achtsamkeit. Nennen Sie es Egoismus. Nennen Sie es übertrieben. Nennen Sie es wichtig. Es ist jedermanns und jederfraus Recht, eine eigene Meinung zu haben. Ich für mich habe jedoch den Moment schätzen gelernt:

Bild von Harald Lepisk auf Pixabay 

Was mich die Distanz-Lehrzeit gelehrt hat, ist, dass ich auch auf mich schauen muss. Was ist mir wichtig? Was ist für mich wichtig? Wie bleibe ich ausgeglichen. Wenn man alleine ist, dann muss man sich zwangsläufig mit sich selbst beschäftigen. An einem gewissen Punkt kommt da nicht mehr drumherum. Und aus dieser Beschäftigung können überraschende, beängstigende Erkenntnisse resultieren. Es sind die Fragen: Wer bin ich? Was ist meine Rolle? Was ist mir wichtig? Was tut mir gut? Manchmal resultieren aus diesen Erkenntnissen neue Hobbies (Brotbacken oder Gärtnern waren heuer stark im Trend) oder auch Trennungen (und wenn es nur das längst fällige Ausmisten des eigenen Kastens ist). Manchmal kommt man zur Erkenntnis, dass das Selbstbild und das Fremdbild nicht übereinstimmen. Wenn man damit leben kann, ist es in Ordnung. Wenn nicht, dann eben nicht.

Bild von Andre Mouton auf Pixabay 

Beziehungspflege auf Distanz ist etwas, das viel Kraft kostet und bewusst gemacht werden muss. Diese Kraft und dieses Bewusstsein kann ich nur aufbringen, wenn ich selbst mit mir im Reinen bin. Das kann man jetzt sehr weit auslegen. Aber und das ist eine meiner vielen Erkenntnisse: Weniger ist dabei manchmal mehr. Weniger Kleidung im Kleiderschrank. Weniger unterschiedliche Marmeladesorten in der Speisekammer, weniger Bücher im Regal (okay, daran arbeite ich noch). Und vor allem auch weniger unterschiedliche Tools im Unterricht (Vertrau auf das Vorhandene!) und weniger Instruktion als Konstruktion in der Lehre (Misch die Sozialformen!). Keine neuen Erkenntnisse, ich weiß, aber manchmal sind es diese Erinnerungen an das Bekannte, die uns wieder erden.

Ich bin bekennende Perfektionistin und versuche immer, für alle da zu sein. Manchmal sind es aber auch die Momente, wo man auf sich selbst schauen muss. Ganz egoistisch. Oder eben achtsam. Manchmal hilft auch das nicht-perfekte Arbeitsblatt, um damit zu arbeiten. Manchmal hilft auch ein Mail ohne Anrede und Schlussformel.

Und manchmal sagen ein Meme (z.B. RespectfulMemes) oder ein GIF mehr als 1000 Worte und zaubern auch noch dazu ein Lächeln ins Gesicht des Gegenübers.

https://www.facebook.com/photo/?fbid=10224455944525310&set=a.1207000214305

Dabei sollte man auch sich selbst nicht immer zu ernst nehmen. Ganz einfach. Eigentlich.

Und wenn ich das aus diesen herausfordernden Zeiten mitnehmen und beibehalten kann, dann waren diese Zeiten mehr als wertvoll für mich.

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