Was die Sprache über unsere Gesellschaft aussagt. Oder warum Medienkompetenzen wichtiger denn je sind

Was wir sagen, ist nicht immer das, was andere verstehen. Was wir verstehen, ist nicht immer das, was andere sagen.

Ich habe diesen Beitrag schon vor langer Zeit geplant und wollte ihn heute veröffentlichen, nun habe ich ihn verändert und um einen wichtigen Aspekt ergänzt. Ausgangspunkt der Überlegungen war die Wahl zum Jugendwort des Jahres 2020: Lost.

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Ein Wort, ein Gefühl, eine Stimmung, die Ausdruck einer Gesellschaft ist. Nicht nur der Jugendkultur, doch sie hat das Gefühl in ein Wort gefasst. Die Welt ist VUCA – volatil, uncertain, complex und agil. Wir können uns – nicht nur infolge der pandemischen Situation – nicht mehr sicher sein.

Unsere Werteverhältnisse ändern sich (vielleicht), auch unsere Einstellungen. Viele kaufen regional, viele haben neue Hobbies entdeckt, viele haben wichtige Entscheidungen getroffen.

Vielleicht war der Einschnitt in die Welt des höher – schneller – besser notwendig. Wir können nicht sagen, welche Auswirkungen er hat. Umso mehr schockieren mich Meldungen, die gerade in Social Media herumgeistern. Menschen geben ihre Meinungen bekannt, sympathisieren mit radikalen Standpunkten, teilen sie ohne darüber nachzudenken. Das sind erwachsene Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten. Social Media ist kein Stammtisch, der auf einen lokalen Raum beschränkt ist und im Stille-Post-Prinzip Informationen weiterträgt. Man kennt aber die Pappenheimer vom Stammtisch. Man hat Erfahrung mit den Meldungen, man nimmt nicht alles für bare Münze. Social Media ist Live-Berichterstattung von Menschen, die man gar nicht kennt. Und dennoch teilt man ihre Mutmaßungen und Ängste unvermittelt weiter. Der Algorithmus des Social-Media-Kanals merkt sich, was wir teilen, und spielt uns weitere, ähnliche Meinungen in die Timelines. Unsere Filterblase wird kleiner und bekommt einen dickeren Rand. Andere Meldungen werden kaum mehr hereingelassen. Eine Echokammer entsteht, in der wir uns wohl fühlen, weil wir uns verstanden fühlen. Objektiv ist das nicht. Hierzu zwei ältere Blogposts:

Soweit der Beginn des ursprünglichen Beitrags. Die gestrigen Ereignisse haben – wahrscheinlich nicht nur mich – nachdenklich gemacht. Sie zeigen ein Bild unserer Gesellschaft. Nicht nur dass Terrorismus und Radikalisierung allgegenwärtig sind weltweit (und auch in Österreich eine Geschichte hat, wie die Süddeutsche Zeitung zeigt). Das meine ich gar nicht, sondern wie damit umgegangen wird.

Die Ansprache des Bundespräsidenten

Am frühen Abend, kurz nach den gestrigen Nachrichten, wandte sich unser Bundespräsident an uns (die Rede kann hier noch sieben Tage lang angesehen werden). Er sprach uns Mut zu. Mut, den zweiten Lockdown durchzustehen. Gemeinsam. Dabei wandte er sich nicht nur in gewohnter Manier an alle Österreicher*innen, sondern auch an alle, die in Österreich leben. Ich empfinde diese Anrede jedes Mal als sehr schönes Zeichen. Er hat Fehler angesprochen und uns alle in die Verantwortung genommen. Zudem verwendete er in seiner Rede eine bewusst die Genderstereotypien überwindende Diktion. Er sprach von dem Lehrer, dem Friseur und der Informatikerin und der Ärztin.

Vielen ist es vielleicht nicht aufgefallen, da ich diesen Bereich auch lehre, höre ich hier immer bewusst hin. Sprache ist so ein mächtiges Medium. Jedes Wort ist eine Auswahl und eine bewusste Entscheidung gegen eine Fülle anderer Worte. Jedes Beispiel ist ein bewusst gewähltes Beispiel und somit auch wieder die Entscheidung gegen viele andere, mögliche Beispiele. So werden wir gelenkt und in unseren Gedanken und unserer Wahrnehmung beeinflusst.

Nehmen wir als Beispiel das Mitmeinen von anderen. Wenn von Ärzten gesprochen wird, sind dann die Ärztinnen mitgemeint? In unserer Tradition sagen viele: Klar. Wenn in den Medien eine Täterbeschreibung gegeben wird, dann wird meist das Alter genannt, oftmals die Herkunft und in manchen Fällen auch die Religion. Wie oft lesen wir haben von dem/ der in Österreich geborenen Katholik*in, die eine Straftat begangen hat? Das Auslassen oder bewusste Nennen von Details und Informationen lenkt unsere Wahrnehmung. Lesen Sie Umberto Eco und seine Gedanken zur Rolle des Leser bzw. der Leserin literarischer Texte. Beim Lesen füllen wir Leerstellen, die vom Autor oder der Autorin bewusst gesetzt werden. Wir haben Platz für (kreative) Interpretationen. Dafür ist Literatur da. Nicht aber Journalismus und die tägliche Berichterstattung.

Journalismus in Zeiten von Social Media

Was wir gestern beinahe zeitgleich zur Ansprache des Bundespräsidenten in Wien erleben mussten, ist so, dass ich dafür keine passenden Worte finde und auch nicht finden möchte. Ich habe auf Twitter von den Ereignissen gelesen, ich habe auf Berichterstattung in den öffentlichen Medien gewartet. Es war ein emotional schwieriger Abend. Ich wäre – gäbe es kein Corona – gestern am Abend in Wien gewesen. In einem Lokal in unmittelbarer Nähe zu einem der Tatorte. Das war mir, einer in Wien geographisch nicht Sattelfesten, erst nach einem Augenzeugenbericht klar. Die Berichterstattung war umfassend. Die deutschen, schwedischen und französischen Medien berichteten umfassend über die Ereignisse. Ich konnte nicht arbeiten, also habe ich Medienberichte gelesen. Es herrschte das Stille-Post-Prinzip. Twitter ist in der Berichterstattung durch den Live-Charakter immer sehr schnell. Videos und Fotos wurden geteilt, so mancher Tweet entpuppte sich als Falschmeldung (Stichwort: Geiselnahme) und wurde wieder gelöscht. Was aber einmal gelesen wurde, bleibt in den Köpfen.

Schnell wurde auf Twitter darüber gesempert, dass im ORF keine Live-Berichterstattung erfolgt. Währenddessen wurden auf oe24 bereits Videos und Fotos, die auf Social Media die Runde machten gezeigt. Videos, auf denen die Ermordung eines Zivilisten zu sehen ist. Unverpixelt. Live. Ich habe während meines Medienstudiums gelernt, Bilder von Leichen nicht zu zeigen. Schon gar nicht unverpixelt. Nicht nur, weil es kein schöner Anblick ist (schön ist sicher nicht das richtige Wort, aber ich finde gerade kein anderes), sondern auch aus Respekt vor der toten Person und ihren Angehörigen.

Im gestrigen Fall kommt noch hinzu, dass durch die Verbreitung der Videos die Ermittlungen hätten beeinträchtigt werden können – umso mehr Details gezeigt werden, umso leichter fällt es Sympathisant*innen, ein Hilfsnetzwerk aufzuziehen. Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Motto Pic, or it didn’t happen erlegen zu sein scheint.

Wir sind Vorbilder

In meiner Timeline – und ich spreche somit von meiner Filterblase – agieren hauptsächlich Erwachsene. Erwachsene, die Nachrichten schreiben und teilen. Über sie sehe ich auch jene Menschen, die außerhalb meiner Timeline sind. Ich habe mir meine Timeline, v.a. auf Twitter, sehr breit angelegt und folge auch Menschen und Kanälen, denen ich im realen Leben nicht zuhören würde. Ich würde im realen Leben einfach gehen und sie reden lassen. In Social Media bin ich geneigt, die Trolle zu füttern. Eigentlich gilt ja aber: Don’t feed the troll. Es ist schwierig, es ist herausfordernd. Aber jede und jeder von uns ist gefragt.

Wir können jetzt natürliche alle hyperventilieren und uns über die Ereignisse aufregen. Wir unkontrolliert Nachrichten teilen, ohne sie zu verifizieren. Wir können schimpfen, meckern, betroffen sein. Das ist im privaten Raum alles in Ordnung. Wir können uns aber auch wie Erwachsene verhalten und im öffentlichen Raum als gutes Beispiel vorangehen. Social Media sind öffentlicher Raum. Und er wurde gestern auch als solcher genutzt. Ich möchte ein sehr schönes Beispiel nennen: #SchwedenplatzTür

Menschen boten sich an, Fremde bei ihnen schlafen zu lassen, sie mit dem Auto nach Hause zu bringen und auch sonst war – neben all den anderen Empfindungen – viel Solidarität zu spüren. Man fühlt sich machtlos in derartigen Situationen. Aber manchmal sind es die kleinen Gesten, die zählen. Hier eine kleine Sammlung.

Musiker*innen, die trotz Ungewissheit weiterspielen. Menschen, die anderen zu Hilfe kommen und ihr eigenes Leben riskieren. Menschen, die Meldungen und Nachrichten nicht teilen, außer sie sind gesichert.

Medienkompetenz am Prüfstand

Genau das ist nun eine der Herausforderungen der aktuellen Zeit – es wird auch viel drüber geschrieben. Aber anscheinend nicht gelebt. Und wir sollten mit dem Aufbau der Medienkompetenz nicht nur bei den Kindern ansetzen, sondern auch bei den Erwachsenen. Ich habe dazu schon mehrfach geschrieben. Sehen Sie sich Peter Klien in Gute Nacht Österreich an.

 Man kann von Klien halten, was man will. Ein Funken Wahrheit ist hier schon dabei. Ein großer Funken.

Vergrößern Sie Ihre Filterblase!

Lesen Sie in angespannten Situationen auch die Kanäle der offiziellen Einrichtungen und nicht nur die Pressemeldungen, die in den sozialen Netzwerken grassieren. Und auch nicht die Meinungen einzelner Politiker*innen und A-Promis.

Melden Sie ruhig Beiträge, die gegen den gesunden Menschenverstand verstoßen – siehe dazu auch den Aufruf des österreichischen Presserats:

Ein Bericht in der Kleinen Zeitung von Daniel Hadler fasst die Berichterstattung um oe24 gut zusammen. Unaufgeregt. Als Aneinanderreihung von Meldungen, aber er zeigt ein Bild. Klar: Herr Hadler wählt subjektiv. Ich habe mich für diesen Beitrag ganz subjektiv entschieden. Meine Leser*innen wissen das aber hoffentlich.

Und auch wenn ich die Tagespresse beispielsweise eigentlich als Satirequelle sehr schätze (Motto: „Nachrichten erfahren, bevor sie passieren.“, so bin ich mir nicht sicher, wie viele wirklich wissen, dass es sich hier um Satire und Fiktion handelt:

Ich habe mit diesem Beitrag so meine Probleme. Den Humor soll man ja bekannt nicht verlieren, aber wissen alle, dass es sich hier um eine erfundene Meldung handelt?

Ich schätze – neben den Kanälen der Polizei und der Ministerien – auch den Kanal von Karim El-Gawhary sehr.

Sehr überlegte Tweets. Sehr um Objektivität bemüht. Besonnen. Reflektiert.

Live ist nicht immer gut

Wir hätten gerne eine umfassende Berichterstattung. Aber wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Hörensagen, Stille Post, bewusste Falschmeldungen. Das alles hilft uns nicht. Es geht um gesicherte Informationen und gesichert heißt, dass sie nicht nur von einer Quelle kommen. Insiderinformationen, ohne Angabe der Quelle: Ich weiß das aus gut informierten Kreisen. Das ist eine Insiderinformation. Dann möge sie doch inside bleiben und erst dann nach draußen, wenn sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft wurde.

Helfen Sie anderen.

Haben Sie schon mal dran gedacht, dass jene Videos, die Sie auf Social Media sehen, in Nullkommanix am Smartphone Ihres Kindes sein können? Ungefiltert? Und Sie wissen es nicht einmal, weil Ihr Kind es Ihnen nicht erzählt? Vielleicht sogar traumatisiert ist von den Bildern? Haben Sie schon mal Unfalltote gesehen? Haben Sie schon mal echte Blutlachen gesehen? Nicht fiktional, im Film. Echte? Es sind Bilder, die sich einprägen. Glauben Sie mir und manchmal hilft es, darüber zu sprechen. Informieren Sie sich, wie Sie gerade Kindern die aktuelle Situation erklären können. Achten Sie dabei auf Ihre Worte, denn Worte prägen. Hass nährt Hass. Wut nährt Wut. Ist das wirklich unser Ziel?

2 Gedanken zu „Was die Sprache über unsere Gesellschaft aussagt. Oder warum Medienkompetenzen wichtiger denn je sind

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