Der Typ, der mich zum Weinen bringt

Forbes kürt 15 Low-Cost, High-Impact Ways To Improve Educational Outcomes Through Technology und mir kommen die Tränen. Warum das so ist, möchte ich erklären.

Mythen sind Erzählungen, die zunächst mündlich tradiert werden und dann verschriftlicht werden. Sie erzählen Geschichten, die einen Wahrheitsanspruch erheben und gleichzeitig auch Erklärungen für unterschiedliche Phänomene liefern: konkrete und abstrakte. Mythen sind also – anders als Sagen und Legenden – Erklärungsmuster, die dabei helfen können, Phänomene zu verstehen. Im Kern steckt auch vielleicht eine Wahrheit, die aber durch die Überlieferung immer weiter verblasst – es muss aber nicht sein (denken wir einfach an die griechische oder römische Mythologie). Wichtig erscheint aber, dass Mythen tradiert werden und sich als Erzählungen, weil der Mensch Erzählungen mag (Stichwort: Gerüchteküche), in den Köpfen halten. Umso öfter wir etwas hören, umso fester brennt es sich ein. Wir müssen es gar nicht aktiv wissen, aber es beeinflusst unsere Handlungen. Wer mehr dazu lesen will, hier ein Verweis auf Wortwuchs.

Rollende Augen und der stärkste Mann der Welt

Wenn ich mit den Augen rolle, habe ich heute noch das Gefühl, meine Augen könnten stecken bleiben. So habe ich das als Kind oftmals gehört… Wenn diese Mythen dann auch noch medial aufbereitet werden, findet eine weitere Dissemination statt: Spinat hat einen hohen Eisengehalt, glaubte man lange Zeit und glauben viele auch noch heute. Deshalb ist es wichtig, Spinat zu essen. Wenn man Spinat ist, dann wird man stark – wie Popeye. Sie erkennen das Muster? Blöd nur, dass bei der Berechnung des Eisengehalts von Spinat ein Fehler unterlaufen und eine Kommastelle verrutscht ist. Spinat ist zwar sicherlich gesund, aber nicht die Eisenbombe, wie uns unsere Eltern und Großeltern eingebläut haben.

Wenn sich Mythen halten

Gestern lese ich einen interessanten Tweet auf Twitter:

Forbes kürt also 15 Low-Cost, High-Impact Ways To Improve Educational Outcomes Through Technology. Darunter gleich als Nummer 1: Support Individual Learning Styles. Da sind mir die Tränen gekommen. Sofort. Vor Wut. Vor Enttäuschung. Vor… Ich weiß nicht genau… Nicht nur, weil hier monetär billig gearbeitet wird, um einen high impact zu erzielen und das meines Erachtens schon mal eine grundlegend schlechte Basis für Bildungsüberlegungen ist. Oder auch eine schlechte Basis in der Auswahl von digitalen Tools. Im Text steht darüber hinaus:

We need to identify the learning styles of students at an early age and empower them with technology that’s designed for their needs. This could include audiobooks for auditory learners, video recordings of classes for visual learners, and AI virtual assistants driven by machine reading comprehension technology and AI-driven practice quiz generation for kinesthetic learners.

Forbes (24|01|2022)

Und da ist so viel so unwahr und so falsch. Weder der Zugang der Lernstile noch der Zugang der Technologien (siehe Myth 2: The Internet belongs in the classroom because it is part of the personal world experienced by children) ist klug und geschickt positioniert. Beides zusammen ist … sagen wir … schwierig. Nun kann man natürlich argumentieren, wie es auch in den Kommentaren der Fall ist, dass Forbes nun auch kein wissenschaftliches Magazin sei. Das mag schon stimmen. Aber dennoch wird durch diese Nennung dafür gesorgt, dass sich der Mythos der Lernstile oder der Lerntypen – es fängt ja auch schon bei der Nomenklatur an – hält. Und das tut er, wie man verschiedenen Quellen entnehmen kann. Und zwar eisern. Beinahe diamanten. Der Glanz ist ein wenig verloren, aber für viele Menschen ist die Theorie der schubladisierenden Lerntypen oder Lernstile noch immer extrem wertvoll. Und ganz ehrlich, das ist schon irgendwie anstrengend. Es nervt.

Lernen ist kein Wettkampf

Schon 2015 haben De Bruykere et al. in ihrem Buch Urban Myths about Learning and Education im zweiten Kapiteln, Myths about Learning, als ersten Mythos People Have Different Styles of Learning genannt und diesen zu erklären versucht. [Leseempfehlung an dieser Stelle.] Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass es Lerntypen oder Lernstile gibt. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass es sie nicht gibt. Dieser Mythos hilft uns lediglich dabei, Menschen in Schubladen einzuteilen, um das Lernen besser, schneller, effizienter zu machen. So als wäre es ein ständiger Wettkampf. Dabei ist Lernen ein Prozess, in dem es wichtig ist, die notwendigen Strategien zu besitzen, um erworbenes Wissen auch anwenden zu können. [Leseempfehlung an dieser Stelle: Blanchard et al.: Know Can Do!] Lernen ist kein Sprint, es ist ein Marathonlauf, in dem die Grundlagen passen müssen und auch die Rahmenbedingungen. Und diese sollten bewiesen sein. Das Bauchgefühl hilft nur bedingt. Und Lernen ist für gewöhnlich auch nicht leicht. Es ist eine Frage der Übung, des Trainings, des Interesses, der Motivation, der kognitiven Dispositionen… Es es ist nicht leicht, das ist auch ok. Beiträge, die sich mit „Leichtes Lernen“ beschäftigen, erscheinen hier hier auch problematisch, aber das ist ein anderes Thema.

Mythenbasiertes Lernen und Lehren

Mythenbasiertes Lernen und Lehren ist – unter Umständen – nicht nur wenig zielführend sondern vielleicht sogar kontraproduktiv. Vor allem, wenn die Mythen auseinandergehen und auch verschiedene Richtungen einnehmen.

Betrachten wir die Lerntypen ein wenig näher. Hier gibt es zahlreiche unterschiedliche Zugänge, die auch Unterschiedliches meinen und unterschiedliche Bereiche abdecken: Es gibt u.a. die Lerntypen nach Vester und jene nach Fleming. Es gibt auch Lerntypen nach Schrader und jene nach Kolb oder nach Honey und Mumford. Und es gibt Beiträge, veröffentlicht von Universitäten, da wird gefragt: „What Are the Four Types of Learning in Education?“, so als gäbe es eben nur DIE vier. Die Reichweite geht aber über den schulischen und hochschulischen Kontext hinaus – auch in der Ausbildung von Speaker*innen wird auf Lerntypen Wert gelegt.

Vester nennt die Lerntypen visuell, auditiv, haptisch und intellektuell. Bei Fleming geht man von visuell, auditiv, lesend-schreibend und kinästhetisch aus. Schrader spricht von Theoretiker, Anwendungsorientierte, Musterschüler, Gleichgültige und Unsichere. Kolb hingegen mein Akkomodierer/Praktiker, Divergierer/Entdecker, Konvergierer/Entscheider und Assimilierer/Denker.  Die Richtungen gehen weit auseinander. Wir haben hier die Sinnes- bzw. Wahrnehmungskanäle (bei Vester und Fleming), die eine Rolle spielen, aber auch Haltungen und Werte (bei Schrader oder Kolb). Und es gibt auch die sieben Lernstile, man unterscheidet zwischen acht oder zehn Lernstilen (und weil’s so schön ist noch eine zweite Übersicht mit zehn)… Paul A. Kirschner hat in Stop propagating the learning styles myth die verschiedenen Zugänge übersichtlich zusammengefasst. Und manchmal werden die Lerntypen kritisiert, um ein neues Modell (in diesem Fall evidenzbasiert) ins Feld zu werfen. Und das, wenn man schnell googelt, ohne in die Tiefe zu gehen…

Schubladendenken

Auf dieser Seite findet sich eine kompakte Übersicht über verschieden Lerntypen und Lernstile und praktischerweise finden sich am Ende auch Lerntypentests. Und Empfehlungen, wie man diesen Lerner*innen ihrem Typ entsprechend methodisch vorgehen sollte. Wenn man ein wenig googelt, findet man natürlich noch mehr. Viel mehr. Sehr viel mehr. Und wer einen derartigen Test schon mal gemacht hat, kann wahrscheinlich bestätigen, dass die Fragen und Antworten seltsam sind und die Ergebnisse nicht immer gleich sind. Lerntypentests berücksichtigen keine kognitiven Dispositionen, kein Vorwissen, keine Vorerfahrungen. Behaviorismus statt Konstruktivismus wird hier gelebt. Und verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich kann das Ausfüllen eines derartigen Tests individuell spannend sein.

Aber wenn man daraufhin in eine Schublade gesteckt wird, dann ist das wenig hilfreich, weil man der Möglichkeit beraubt wird, zusätzliche Strategien zu erlernen. Die Visuellen werden mit visuellen Strategien versorgt. Das andere ist bei ihnen ja nicht zielführend. Sie sind ja nicht haptisch, auditiv oder intellektuell.  Ein enger Trichter wird angesetzt, der die Entscheidungsfreiheit begrenzt.

Und Stereotype können sich verfestigen. Wenn ich hohe Absätze trage, versuche ich neuerdings, meine Sätze zu verkürzen. Also die Hauptsätze. Sie merken. Ich trage hohe Schuhe.

Außerdem gibt es für unterschiedliche Bereiche im Leben vielleicht auch unterschiedliche Wahrnehmungskanäle, mit denen wir besonders gerne arbeiten: Der Musiker, die die Noten hört, bevor er sie spielt und sich im Berufsalltag auf klare Excel-Tabellen verlässt, die eine monkartige Struktur und Farbgebung besitzen. Werden die Fragen aus dem einen Bereich gestellt, ist diese Person vielleicht auditiv, im anderen Bereich vielleicht eher visuell.

Ich passe in keine Schublade

Ich hatte das Glück, die Freiheit bekommen zu haben, in unterschiedlichen Schubladen sitzen zu dürfen. Und ich muss sagen: Sie sind alle etwas unbequem und werden mit der Zeit auch ziemlich – eintönig, fad, beengend. Ich will auch gar nicht immer in einer Schublade sein. Ich nehme gerne mit allen Sinnen wahr und verarbeite die Inhalte dann, indem ich mir die Zeit gebe, nachzudenken. Stille ist wichtig beim Verarbeiten, ebenso wie Schlaf. Und Verarbeiten ist die Basis von Lernen. Und nein, damit ist nicht gemeint, dass wir das Buch unter das Kopfkissen legen und dabei wie von Zauberhand lernen [Leseempfehlung hierzu]. Wir müssen unserem Arbeitsspeicher im Gehirn aber Phasen geben, in denen er arbeiten und Informationen und Sinneseindrücke verarbeiten kann. Dafür sind Momente der Stille wichtig. Wenn ich mir Schrader so ansehe, dann bin ich auch gleichzeitig Musterschülerin, Gleichgültige, Theoretikerin und Anwenderin… Je nach Fach… Ich könnte da Geschichten aus der Schule erzählen… Viele…

Quelle: Pixabay

Wir alle sind nicht einem Typen oder einem Stil zuzuordnen. Wir sind Mischtypen. Wir tragen alle Typen und Stile in uns, wenn wir alle Wahrnehmungskanäle zum Lernen einsetzen. Unser Lernstil aber ist stark durch Erfahrung geprägt und durch Verstärkung und Vermeidung. Bekommen wir beim frühkindlichen Lernen viele Angebote und kein Angebot wird uns aufgezwungen, können wir Verschiedenes ausprobieren und bekommen wir auch die Möglichkeit, über die Erfahrungen und Strategien zu reflektieren, dann bauen wir unseren Methoden- und Strategienbaukasten auf und befüllen ihn kontinuierlich. Wenn für uns aber Methoden und Strategien mit der Brille eines Lerntyps oder eines Lernstils ausgewählt werden, dann ist das Angebot beschränkt und damit auch unser Entwicklungsspielraum.

Wider die Schubladen

Das Thema der Schubladen beschäftigt mich. Schon lange. Und immer wieder. Ich habe dazu schon gebloggt.

Ich bin von allem etwas. Jede*r ist von allem etwas. Und die Sozialisation spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung unserer (vermeintlichen) Präferenzen. Vieles ist habituell. Das heißt aber nicht, dass man das Habituelle nicht erweitern kann. „Was der Bauern nicht kennt, isst er nicht.“, sagte meine Oma immer. Aber wie soll ich auf neue Lieblingsspeisen kommen, wenn ich nichts Neues probiere? Dafür muss ich aber die Komfortzone verlassen. Vielleicht. Beim Essen, wie beim Lernen. Ob sich hier in der Zukunft Veränderungen ergeben (Stichwort: visuell geprägte Welt), kann ich nicht sagen, denn ich bin ganz schlecht im Kaffeesud- und Glaskugellesen. Es bleibt zu vermuten, dass die aktuelle Ausgestaltung der Medienwelt zu einer Transformation führt. [Leseempfehlung: Brandhofers Beitrag zur Leitmedientransformation] Noch ist das aber eine Vermutung, die es zu beobachten gilt, die aber keine – andere Möglichkeiten kategorisch ausschließende – Grundlage für didaktische Entscheidungen sein sollte. Noch nicht. Und eigentlich nie. Denn Vielfalt ist nun mal der Weg, der für alle etwas bereit hält. Umso vielfältiger das Frühstücksbuffet, umso glücklicher die Gäste. Weil für jede*n etwas dabei ist: Altbekanntes oder Neues zum Probieren.

Weiterführende Lektüren (subjektive Auswahl, kann gerne ergänzt werden)

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