Wie ich mir Lehre vorstelle und wie ich sie lebe

Ich werde immer wieder gefragt, was für mich gelungene (bewusst nicht: gute) Lehre ausmacht. Gelungene Lehre hat für mich viel mit Haltung und Werten und nicht zwangsläufig mit Methoden und Medien zu tun. Ich habe meine Lehrphilosophie vor kurzem kompakt verschriftlicht und möchte sie auch gerne zur Diskussion teilen. Sie gibt einen Einblick, ich könnte noch viel mehr dazu schreiben. Aber wichtiger: leben.

Tl;dr: „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.“

(Augustinus Aurelius)
Quelle: Pixabay

Offenheit…

… ist das oberste Leitmotiv meiner Lehre und zentrales Element meiner Lehrphilosophie. Diese Offenheit wirkt auf mehreren Ebenen: (1) Ich selbst bin offen für Neues und möchte meinen Studierenden als zukünftige Lehrer*innen diese Offenheit mit auf den Weg geben. Sie bezieht sich auf alle Elemente des pädagogischen Dreiecks und darüber hinaus: Schüler*innen, Lehrerin (mir selbst gegenüber), Methoden, Medien, Materialien, Ideen und Zugänge. Diese Offenheit stärkt das Vertrauen, nimmt die Angst und ermöglicht damit ein noch viel freieres und kreativeres Agieren und Ausprobieren im „geschützten Raum“ meiner Lehre. (2) Meine Lehr- und Lernunterlagen sind (nach Möglichkeit) offen lizenziert, also Open Educational Resources, was den Vorteil hat, dass sie von allen Lehrenden übernommen, in den eigenen Unterricht integriert, eingepasst, verändert und somit ohne Urheberrechtsverletzung verwendet werden dürfen. (3) Offenheit schließt, im Sinne von Open Educational Practices, auch das Teilen meiner Unterrichtskonzepte und -überlegungen mit der Lehrenden-Community ein und meint eine offene Tür zu meinem Lehrraum, den ich lieber als Lernraum für Studierende bezeichne. Bei mir sind Zuseher*innen und Hospitationen willkommen. Ihr Feedback hilft mir, meine eigenen blinden Flecken zu erkennen und mich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Meine Überlegungen, Konzepte und Materialien teile ich über zwei Blogs (www.digitalanlog.at | www.elkessprachenkiste.at) mit Lehrer*innen, sodass diese direkt daran teilhaben können, nicht nur jene in Graz und im Umland, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum und auch darüber hinaus.

Vernetzung…

… steht an zweiter Stelle meiner Lehrphilosophie: Gerade in der Fachdidaktik ist es zentral, die eigenen Materialien kritisch zu reflektieren und auch reflektieren zu lassen, sie zu teilen und durch einen Critical Friend Feedback einzuholen. Das gehört zum Lernen und zum Lehren dazu; jedes Lehren ist schließlich auch ein Lernen. Aus diesem Grund ist für mich eine frühe Vernetzung der Studierenden untereinander und mit der vorhandenen Lehrenden-Community (u.a. über das von mir mit gegründete, internationale Netzwerk der Bildungspunks – www.bildungspunks.de) wichtig. In meine Lehrveranstaltungen lade ich demnach Expert*innen ein, die den zukünftigen Lehrer*innen erprobte Wege, innovative Gedanken und neue Perspektiven aufzeigen (in den letzten Semestern u.a. Expert*innen des Centers für berufsbezogene Sprachen, des Österreichischen Sprachen-Kompetenz-Zentrums oder des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg) und die auch über das Scheitern sprechen. Müsste ich meinen Unterricht zusammenfassen, so würde ich das zurzeit oft bemühte 4C-Modell, das als Skills Communication, Collaboration, Criticial Thinking und Creativity umfasst, um das fünfte C des Connectivism und das O der Openness ergänzen. Ich folge dabei George Siemens‘ Ansatz des Connectivism: So ist es im 21. Jahrhundert wichtiger denn je, ein individuelles Wissens- und Lernnetzwerk um sich aufzubauen und die Knotenpunkte dieses Netzwerks bewusst zu pflegen. Ich interagiere dabei mit bereits existierenden Netzwerken und setze darüber hinaus eigene Knotenpunkte. Dies ermöglicht mir, über meinen eigenen Tellerrand zu blicken und den Blick z.B. zur Informatik, auf andere Sprachen, Fächer, Disziplinen und Kulturen zu richten. Diesen Perspektivenwechsel, ebenso wie den Perspektivenwechsel Lehrende-Lernende, finde ich nicht nur spannend, sondern auch äußerst wichtig, da er helfen kann, der eigenen Fachblindheit vorzubeugen bzw. sie zu umgehen.

Pluralität und Diversität

Neben den sprachlichen Kompetenzen lege ich einen starken Fokus auf die Vermittlung überfachlicher, also trans- und interdisziplinärer Kompetenzen. Ergänzend zu den oben genannten 4C sind das in besonderem Maße die Medien- und Methodenkompetenz, die in einer Digital Literacy und schließlich der Futures Literacy münden. Die zukünftigen Sprachlehrer*innen sollen nicht nur für ihr eigenes Fach begeistert sein und dafür brennen, sondern auch darüberhinausgehende Kompetenzen mitdenken und mittrainieren und damit lebenslanges Lernen ermöglichen. Folgerichtig ist mein Unterricht multimodal aufgebaut und soll das Erleben und Reflektieren unterschiedlicher, individualisierender und binnendifferenzierender Methoden ermöglichen. Imagination, Reflexion und Antizipation – die Kernelemente der von der UNESCO geforderten Futures Literacy [siehe hierzu auch meinen Beitrag im gleichnamigen Sammelband] – stehen im Zentrum. Die Lernenden erleben in meinen Lehrveranstaltungen einen Methodenpluralismus, der die Bedürfnisse unterschiedlicher Lerner*innentypen oder -charaktere berücksichtigt. Wie bei einem Lernbuffet lernen die Studierenden Neues kennen, das sie erleben und ausprobieren und in ihr eigenes Lernbuffet übernehmen, um auf unterschiedliche Geschmäcker und potentielle Intoleranzen in einer der vielen möglichen Zukünfte vorbereitet zu sein. Mein Lehr- und Lernverständnis ist folglich stark handlungs- und lernzielorientiert, das sich über verbreitete Lernmythen, wie die Theorie der Digital Natives oder der Lerntypen, und gängige Dualismen hinauswagt: Es wird nicht in Mustern wie Instruktion vs. Konstruktion, Vielfalt vs. Eintönigkeit oder digital vs. analog, sondern deren Emergenz gedacht.

Gelebte Feedbackkultur

Die Studierenden sollen unterschiedliche methodische Zugänge erleben, reflektieren und aus den eigenen Erfahrungen und Reflexionen das für das von ihnen gewählte Lernziel passende Element für die eigene Lehre aussuchen. Sie stehen einander dabei als Peer Group und Critical Friends zur Seite, lernen das Geben und Nehmen von formativem statt summativem Feedback und profitieren von der Vielfalt der Gruppe. Hierfür baue ich in die Lehre Feedbackschleifen ein, die den Studierenden während des Semesters zur kontinuierlichen Weiterentwicklung dienen und die das sonst einmalige, punktuelle Feedback erst mit Abgabe der Abschlussarbeit bestmöglich vor- und dadurch auch in die Länge ziehen.

Lernen ist ein kontinuierlicher, nie endender Prozess, dessen Erfolg sich nicht auf kognitiver Ebene durch das Abrufen von Faktenwissen manifestiert, sondern vor allem in der Ausprägung von Kompetenzen und Fähigkeiten. Gerade im 21. Jahrhundert erscheint es wichtiger denn je flexibel, agil und zukunftsoffen zu sein, mit anderen gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, selbst kreative Lösungen zu suchen, zu finden und diese auch wirkungsvoll zu kommunizieren („4C“). Lernen bedeutet folglich, mit anderen in Austausch treten, miteinander und voneinander lernen, Methoden und Modelle ausprobieren, sie zirkelhaft und iterativ reflektieren und evaluieren und sie in das eigene Repertoire aufnehmen oder ablehnen und dabei Fehler als etwas Positives zu sehen, als Chance aus ihnen zu lernen.

Neue Fehlerkultur durch Reflexion

Um es mit Watzlawick zu sagen: Wir können nicht nicht lernen. Lernen wird manchmal auf (Auswendig-) Lernen von Fakten reduziert, was jedoch in meinem Verständnis nicht weit genug fasst. Beobachtet man Kinder beim Lernen, sieht man, dass es oft beiläufig durch die Orientierung am Modell, das Prinzip Trial and Error und das Tun an sich geschieht. In meinem Verständnis geht es auch beim Lernen in Hochschulen, um das Voneinander-Lernen (u.a. durch diskursive Methoden oder konstruktivistische Settings) und das Miteinander-Lernen (u.a. durch kollaborative und kooperative Settings), was auch das oben genannte Geben und Nehmen von Feedback als Lernziel einschließt.

Im Zuge des Lernprozesses werden neue Wege beschritten, die auch zu Fehlern und Fehlannahmen führen können, die ihrerseits wiederum Zeichen für den Lernprozess sind. Wer nur ausgetretene Lernpfade betritt, lernt meist wenig dazu, und betet nur wieder, was andere davor schon gedacht haben. Lernen heißt aber, wie die Honigbiene von einer Blüte zur anderen zu fliegen, Pollen zu sammeln und zu Honig zu veredeln. Mir gefällt dieses Bild aus der italienischen Renaissance zur Beschreibung meines Lernverständnisses. Zentral beim Erleben von Lernsettings ist, diese zu reflektieren und zu eigenen Schlüssen (dem „eigenen Honigrezept“) zu kommen, sich eine eigene Meinung zu bilden, für sich selbst eine individuelle Herangehensweise zu finden. So wird nachhaltig gelernt. Lernen heißt für mich folglich nicht „Buliminielernen“ und Auswendiglernen oder auf das Lehren umgemünzt: Training to the test. Lernen heißt für mich, selbst Erfahrungen zu machen, zu reflektieren und zu entscheiden, welchen Weg man gehen will. Um es mit der Taxonomie von Bloom zu sagen: Es geht nicht um das Erinnern, sondern das Verstehen, Anwenden, Analysieren, Evaluieren und für Lehrende besonders zentral, das Erschaffen.

Die Komfortzone verlassen

Als Lehrende bin ich „Prima inter pares“, denn auch ich lerne täglich von den Lerner*innen dazu. Diese Offenheit gegenüber den Lernenden und ihrer Lebenswelt ist wichtig, um aktuell und authentisch zu bleiben. Dabei erscheint es mir zentral, die Lernenden individuelle Erfahrungen machen zu lassen, selbst ein gutes Vorbild zu sein und sie beim Setzen neuer (auch kreativer, innovativer und visionärer) Knotenpunkte innerhalb des eigenen Netzwerks und im geschützten Raum „meiner Lehre“ zu unterstützen. Für mich ist Entweder-Oder kein Ansatz; binäres Denken bringt uns nicht weiter, vielmehr müssen wir inklusiv und divers denken. Oberstes Ziel ist es, nicht „in the box“ oder „out of the box“ zu denken, sondern „outside the box“. Durch das Verlassen der Komfortzone können wir es schaffen, unseren blinden Fleck zu erkennen (wobei das Feedback der Critical Friends hilft).  Jede*r hat – konstruktivistisch gesehen – einen Rucksack an Erfahrungen und Vorwissen zu tragen. Über die Jahre kommen viele Dinge in diesen Rucksack, manchmal ist es wichtig, ihn auszuräumen, Altes und Verdorbenes auszusortieren. Die Rucksäcke der anderen helfen mir dabei, meinen eigenen Rucksack neu zu packen. Manchmal muss man sich vielleicht auch von Liebgewonnenem verabschieden, um Platz für Neues zu schaffen, den Ballast, den man am Rücken trägt, zu verringern, um den Weg zum Ziel leichter zurücklegen zu können. Als Werkzeuge helfen hierbei Diklusion, Storytelling, Presentation Zen, Constructive Alignment und Cognitive Load Theory, welche leitende Prinzipien meines Lehrkonzepts sind.

Das Feuer entfachen

Als Fach- und Mediendidaktikerin hat die Lehre für mich einen besonders hohen Stellenwert. Ich brenne für mein Fach, die Medien und Sprachen. Mein oberstes Lehrziel ist, dieses Brennen weiterzugeben. Das Herausfordernde und gleichzeitig Schöne an der Lehre ist die Arbeit sowohl mit Individuen als auch mit diversen Gruppen, dass man differenzierte Settings und Rahmenbedingungen erlebt und ständig Neues entdeckt. Zentral erscheint mir, Forschung aus der und für die Lehre zu betreiben und den Studierenden sowohl den wissenschaftlichen als auch den praktischen Zugang mitzugeben, sodass sie selbst forschungsgeleitete, brennende Lehre betreiben können.

Zur weiteren Lektüre

Es gibt viele Menschen und Bücher, die mich inspirieren und zum Neu- und Umdenken bewegt haben bzw. immer wieder bewegen. Ich möchte einige teilen, die mich aktuell oder seit einiger Zeit beschäftigen – die Auswahl ist ad hoc erfolgt und wird eventuell auch immer wieder erweitert. Die Autoren (und ich merke, dass es wirklich gerade ausschließlich Männer sind) sind alphabetisch sortiert:

Nota Bene: Das bedeutet nicht, dass ich diesen Menschen in allem, was sie sagen, zustimme. Sie inspirieren mich (ex positivo oder ex negativo), sie bringen mich zum Nachdenken.

  • Markus Hengstschläger (sein Mythbusting)
  • Immanuel Kant (der Aufruf zur Aktivität zur Tätigkeit)
  • Jean de La Bruyère (seine Werk Les Caractères – Menschenbilder, die an Aktualität nichts verloren haben)
  • François de La Rochefoucauld (seine Maximen, die fast ein halbes Jahrtausend alt sind und noch immer so treffend wirken)
  • Georg Christoph Lichtenberg (seine Aphorismen)
  • Niklas Luhmann (seine Art, die Gesellschaft zu denken)
  • Hilbert Meyer (sein Werk, keines besonders – siehe die Überschrift: Schriften – vor allem aber seine positive Haltung und die Visualisierung der komplexen Inhalte)
  • Molière (Literatur, die zum Lachen und zum Nachdenken bringt, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten)
  • Armin Nassehi (seine Gedanken zur Systemtheorie von Luhmann und der Transfer bzw. die Überprüfung von Luhmanns Ideen ins 21. Jahrhundert)
  • Andreas Reckwitz (seine Gedanken zu Trends in der aktuellen Gesellschaft, die
  • Garr Reynolds (sein Zen)
  • Hartmut Rosa (seine Gedanken zum Individuum und die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf das Individuum)
  • Eugen Roth (Ein Mensch – in Auszügen hier)
  • Gerhard Roth (in seinen Werken spielt er bewusst oder unbewusst mit Mythen und Dogmen)
  • Rüdiger Safranski (seine Art, komplexe Zusammenhänge verdaulich aufzubereiten, ohne unseriös oder unwissenschaftlich zu sein oder zu wirken)
  • Manfred Spitzer (ex negativo)
  • Paul Watzlawick (seine Gedanken zur Wahrnehmung, zum Menschen und vor allem zur Konstruktion der Wirklichkeit)

Dazu kommen vor allem auch die Gemeinschaft der #EduPnx und das #Twitterlehrerzimmer (oder #twlz), die ständige Inspiration sind. Hier greife ich niemanden namentlich heraus, denn hier geht es mir vor allem um die Gemeinschaftlichkeit und die Referentialität über die Algorithmizität hinweg.

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