Mythenkalender #11: Menschen sind multitaskingfähig.

Sie kennen den landläufigen Spruch, dass Frauen Multitaskerinnen sind, Männern diese Fähigkeit aber fehlt? Glauben Sie, dass er stimmt? Fakt oder Fiktion?

Quelle: Pixabay

Manchmal hört man diesen Spruch als Entschuldigung, manchmal als Vorwarnung, manchmal aber auch als Rechtfertigung. Das subjektive Empfinden sagt, dass dieser Mythos ein Quäntchen Wahrheit in sich tragen könnte. Eine Erklärung findet sich doch sicherlich irgendwo in unserer frühneuzeitlichen Geschichte. Das hat wahrscheinlich irgendwas mit dem Steinzeitmenschen, den Jägern und Sammlern zu tun. Oder? De Bruyckere et al. (2015: 96) sehen den Mythos nicht nur auf Geschlechterunterschiede ausgerichtet, sondern gehen noch einen Schritt weiter: „Many publications and media sources claim that young people nowadays not only are able to multitask, but also are experts at multitasking.“

Was bedeutet Multitasking überhaupt?

De Bruyckere et al. (2015) führen in ihrem Beitrag mit dem Titel We are good multitaskers zunächst eine Definition von Multitasking an. Es bedeutet, dass zwei oder mehrere Aktivität synchron ausgeführt werden, wobei die Einschränkung darin liegt, dass alle Aktivitäten eine Leistung des Arbeitsgedächtnisses erfordern. Beim Multitasking wird die Leistung des Arbeitsgedächtnisses auf die unterschiedlichen Aktivitäten aufgeteilt.

Im Unterschied dazu wird beim Taskswitching die Aufmerksamkeit zunächst auf eine Aktivität gelegt, dann auf die nächste, um zurück zur ersten zu gehen usw. Wir konzentrieren uns auf unterschiedliche Aufgaben, aber nicht synchron sondern asynchron, da das Arbeitsgedächtnis sich nicht auf zwei Aktivitäten gleichzeitig konzentrieren kann, sobald diese beide der Leistung des Arbeitsgedächtnisses bedürfen.

Ein großer Unterschied, der landläufig aber gerne verwechselt wird.

Gegenbeispiele gesucht?

Vielleicht fallen Ihnen Beispiele ein, in denen Sie zwei Dinge gleichzeitig machen und das auch gleich gut? Ich kann zum Beispiel wunderbar bügeln und gleichzeitig fernsehen. Das gilt aber nicht, werden Sie vielleicht einwerfen, da das Bügeln motorisch ist und Fernsehen nicht immer kognitiv fordernd. Und Sie haben mit diesem Einwand recht. Voll automatisiertes Handeln, das heißt Handlungen, die man erfahrungsgemäß leistet, fallen in dieses Beispiel nicht hinein. Hier brauchen wir keine Verarbeitung von Information im Arbeitsgedächtnis mehr, wir müssen nicht mehr nachdenken, wir machen einfach. So können wir gehen und gleichzeitig sprechen – wehe aber wir stoßen auf ein Hindernis oder plötzlich steht ein Laternenmast im Weg. So gibt es auch einige, die am Heimtrainer sitzen und dabei lernen oder ein Buch lesen. Oder eben bügelnd fernsehen. Nun, das geht aber nur so lange gut, so lange keine überraschenden Reize auftreten, auf die man reagieren muss. Das Bügeleisen, das sich verfängt oder aber der Heimtrainer, der zu quietschen beginnt. Dann sind wir abgelenkt, müssen unsere Konzentration auf einen Task lenken. Wir sind keine Multitasker*innen mehr sondern Taskswitcher*innen.

Taskswitching als Disziplin

Wir sind grundsätzlich also eher Taskswitcher*innen als Multitasker*innen, so auch das Fazit von De Bruyckere et al. (2015).

Und dessen sollten wir uns auch bewusst sein, schließlich ist die Fähigkeit zu switchen von vielen äußeren und inneren Aspekten abhängig. So beispielsweise vom Grad des Interesses, der körperlichen Verfassung (Hunger oder Müdigkeit) und der Motivation. Lesen Sie mal ein extra fades Buch, das Sie lesen müssen in einer Umgebung, die nicht unbedingt ruhig ist. Wie groß ist Ihr Erfolg? Ich musste zum Beispiel das Schreiben des Beitrags unterbrechen – im Fernsehen läuft gerade nebenbei Der Herr der Ringe und einige der Dialoge haben meinen Arbeitsspeicher belegt.

Wir können keine zwei Gedanken gleichzeitig denken, wir sind also Taskswitcher*innen. Es ist schon möglich, dass der Wechsel zwischen den Tasks sehr schnell erfolgen kann, aber von Gleichzeitigkeit kann nicht ausgegangen werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „cognitive bottleneck“ (De Bruyckere et al. 2015: 96) und wir haben darauf in den Beiträgen an Tag #7 und #9 schon hingewiesen. De Bruyckere et al. (2015) zeigen, dass auch junge Menschen kein Multitasking können und dieses auch grundsätzlich nicht vom Alter abhängt. Diese Aussagen werden auch mit Studien belegt. Die Autoren geben ein weiteres gutes Beispiel: Schreiben Sie mal ein Mail und sprechen Sie mit Ihrem Gegenüber. Wie ist der Outcome?

In der Klasse

Ein klassisches Beispiel aus der Schule: Die Lehrperson schreibt etwas an die Tafel und erklärt parallel dazu. Sie ist in dieser Tätigkeit erfahren und – solange nichts Außergewöhnliches passiert – erfolgreich. Vor allem aber greift die Lehrperson auf Wissen zurück, das nicht im Arbeitsgedächtnis sondern im Langzeitgedächtnis abgespeichert ist. Die Schüler*innen aber, für die die Information neu ist, greifen auf ihr Wahrnehmungs- und Arbeitsgedächtnis zurück. Sie müssen zuhören, mitlesen und mitschreiben und sollten dabei im besten Fall auch noch mitdenken – ein schwieriges und beinahe unmögliches Unterfangen. Probieren Sie beispielsweise mal, einen Ihnen unbekannten Text laut zu lesen und lassen Sie sich danach Fragen zum Text stellen. (Übrigens auch ein typisches Beispiel aus der Schule.)

Das Fazit

De Bruyckere et al. (2015: 97) streichen noch heraus, dass Multitasking keine guten Leistungen als Folge hat, denn „[it] leads to a loss of concentration, the need for longer periods of study and poorer performance” und zwar bei beiden Tasks. Da wir keine zwei Gedanken gleichzeitig denken können, ist die Performance in beiden schlecht, weil die Gedanken (und auch Wahrnehmungen) nicht verarbeitet werden können. Außerdem können auch Speicherfehler auftreten. Das beim Multitasking Gelernte kann im Gedächtnis oder der Erinnerung nur schwer abgerufen werden, wie Studien der UCLA zeigen. Das Switchen braucht „(mental) energy“ (De Bruycker et al. 2015: 97), man ermüdet schneller und wird auch zunehmend ineffizient.

Tipps aus der Praxis

Wir sollten uns eingestehen, dass wir keine Multitasker*innen sind. Stattdessen sollten wir uns auf einzelne Aufgaben fokussieren. Philippe Wampfler hat dies im Zusammenhang mit ToDo-Listen bereits besprochen. Elke Höfler hat in einem Blogpost darauf reagiert. Durch das Sehen der ToDo-Liste ist unser Arbeitsgedächtnis blockiert. Beide, sowohl Wampfler als auch Höfler, nennen in ihren Beiträgen Möglichkeiten, effizient zu arbeiten. Techniken aus dem Projekt- und Zeitmanagement können hier ebenfalls helfen.

Ganz wichtig erscheint es, Aufgaben abzuschließend und sich damit mentale und kognitive Freiräume zu schaffen, um sich mit Neuem kreativ beschäftigen zu können. Aber wer von uns macht das schon wirklich? Die Realität ist oftmals eine andere… Wobei uns _DigitalWriter_ in einem aktuellen Tweet eines Besseren belehrt…

Empfehlungen zur Lektüre

Quelle

De Bruyckere, Pedro; Kirschner, Paul A. & Hulshof, Casper D. (2015). „Neuromyths. Myth 1: We Are Good Multitaskers“, in: dies. (Hg.), Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam et al.: Elsevier: 96-99.

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