Mythenkalender #10: Vorlesungen aufzeichnen und online stellen…

Vorlesungsaufzeichnungen erfreuen sich an Universitäten und Hochschulen großer Beliebtheit. Erwartet wird, dass sich Studierende nach der Vorlesung erneut mit den Inhalten auseinandersetzen und diejenigen, die nicht vor Ort dabei sein konnten, die Aufzeichnungen für ihren Lernprozess nutzen.

Wie wirken sich solche Aufzeichnungen auf den Lernerfolg aus?

De Bruyckere et al. (2020) haben sich in der Fortsetzung ihres Buches zu #Lernmythen / #EducationalMyths die Befundlage dazu angesehen und kommen zu dem Schluss, dass das Zur-Verfügung-Stellen von aufgezeichneten Vorlesungen keine positiven Effekte auf den Lernerfolg hat. Manche Studien haben negative Auswirkungen gefunden, wie etwa verringerte Interaktion zwischen Studierenden und Dozierenden sowie das Fernbleiben von den Präsenzveranstaltungen.

Quelle: Pixabay

Flipped Classroom

Auch der Trend flipped classroom wird thematisiert. Dabei werden Lernende mithilfe von Lehrmaterialien (Texten, Podcasts, Videos, …) auf den Unterricht vorbereitet, indem sie sich mit diesen Materialien bereits vor der Präsenz auseinandersetzen. In der gemeinsamen Präsenzphase stehen dann kollaboratives Problemlösen oder Diskussionsmethoden im Mittelpunkt. Dieser Ansatz ist nicht neu, erfreut sich jedoch gegenwärtig großer Beliebtheit, u.a. aufgrund der Angebote der Khan Academy. Im deutschsprachigen Raum sehen wir dies auch, so wurde etwa erst vor wenigen Wochen einer der bekanntesten flipped classroom Anwender, gemeinsam mit Kolleg*innen, zu Deutschlands Lehrer des Jahres 2019 gekürt.

Auch Publikationen mit Praxisberichten aus Schule und Hochschule mehren sich und stehen zur Verfügung, z.B. Buchner, Freisleben-Teutscher, Haag, & Rauscher, 2018; Buchner & Schmid, 2019; Werner, Ebel, Spannagel, & Bayer, 2018; Zeaiter & Handke, 2017.

Wirkt der flipped classroom?

Eine Aussage darüber, ob der flipped classroom Lernende tatsächlich unterstützen kann, ist aktuell noch nicht möglich. Es fehlen wissenschaftliche Untersuchungen, meist beruhen Ergebnisse bei Vergleichen zwischen flipped classroom und „traditionellen“ Ansätzen auf Erfahrungsberichten, Fallstudien und anekdotischen Erzählungen (De Bruyckere et al., 2020, S. 53).

Eine Studie, die den Ansatz von flipped classroom stützen könnte, ist jene von Bos, Groeneveld, van Bruggen und Brand-Gruwel (2016): Die Autor*innen konnten zeigen, dass Studierende, die sowohl das online bereitgestellte Material bearbeiteten, als auch die „offline“ Vorlesungen besuchten, in einem Examen deutlich besser abschnitten als jene Studierende, die nur die „offline“ Vorlesung besuchten. Bei dieser Studie kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die leistungsstarken Studierenden beide Angebote nutzten und daher dieses Resultat zustande kam.

Betrachtet man flipped classroom aus der Perspektive der Mediendidaktik, hat sich dieser Ansatz an möglichen Erfolgskriterien von hybriden Lernarrangements zu orientieren (Blended Learning). Für Lernende müssen sich dabei klare Mehrwerte ergeben, z.B. durch echte Interaktionsmöglichkeiten in den Präsenzphasen oder eine bessere Vereinbarkeit von Studium und beruflicher Tätigkeit (vgl. Kerres, 2018).

De Bruyckere et al. (2020) stellen fest, dass es sich beim Lernen mit Videoaufzeichnungen und flipped classroom um sehr komplexe Konstrukte handelt, die von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst werden. So gibt es Studien, die Unterschiede bezüglich des sozioökonomischen Status feststellen konnten, andere thematisieren das Vorwissen und auch die Fähigkeit, das eigene Lernen zu steuern. Letztgenanntes fehlt häufig, was sich auch in der emotionalen Befindlichkeit bei eher lernendenzentrierten Settings widerspiegelt und sich auf den Lernerfolg auswirken kann (vgl. Jacob et al., 2019).

Als Fazit kann festgehalten werden, dass es für die in diesem Beitrag dargestellten Ideen mehr, und vor allem höherwertige Forschung braucht. Vorsichtig sollten wir umgehen mit vorschnellen Verurteilungen wie wir sie u.a. bei Krommer (2019) finden. Sowohl Videoaufzeichnungen als auch flipped classroom haben das didaktische Potential, zeitgemäße Lehre zu unterstützen. Bei der Umsetzung sollte besonders viel Wert auf eine sorgfältige Planung gelegt werden, sodass Lernenden jederzeit in ihrem Lernprozess und bei auftretenden Herausforderungen unterstützt werden können (vgl. Geiger, Deibl, und Zumbach, 2019).

Und nun?

Auch Lehrpersonen sehen sich bei der Umsetzung mit Herausforderungen konfrontiert, z.B. wird Mehraufwand in der Vorbereitung berichtet (Gillette et al., 2018).

Ein Lösungsansatz dafür: Gemeinsam statt einsam 😉

Quellen

  • Bos, N., Groeneveld, C., van Bruggen, J., & Brand-Gruwel, S. (2016). The use of recorded lectures in education and the impact on lecture attendance and exam performance: Recorded lectures. British Journal of Educational Technology, 47(5), 906–917. https://doi.org/10.1111/bjet.12300
  • Buchner, J., Freisleben-Teutscher, C., Haag, J., & Rauscher, E. (Hrsg.). (2018). Inverted Classroom: Vielfältiges Lernen. Abgerufen von http://skill.fhstp.ac.at/wp-content/uploads/2017/09/23489_TdL_sh_270218_final.pdf
  • Buchner, J., & Schmid, S. (Hrsg.). (2019). Flipped Classroom Austria…und der Unterricht steht kopf! Wien: ikon.
  • De Bruyckere, P., Kirschner, P. A., & Hulshof, C. D. (2020). Myths about the ‚How‘. Is It a Good Idea to Record Lectures and Share Them Online?. In More Urban Myths about Learning and Education. Challenging Eduquacks, Extraordinary Claims, and Alternative Facts. New York, NY: Routledge, 52-55.
  • Geiger, V., Deibl, I., & Zumbach, J. (2019). Flipped Classroom – Ein pädagogisches Fehlkonzept? Erziehung und Unterricht, 1–1, 169–179.
  • Gillette, C., Rudolph, M., Kimble, C., Rockich-Winston, N., Smith, L., & Broedel-Zaugg, K. (2018). A Meta-Analysis of Outcomes Comparing Flipped Classroom and Lecture. American Journal of Pharmaceutical Education, 82(5), 433–440. https://doi.org/10.5688/ajpe6898
  • Jacob, B., Hofmann, F., Stephan, M., Fuchs, K., Markus, S., & Gläser-Zikuda, M. (2019). Students’ achievement emotions in university courses – does the teaching approach matter? Studies in Higher Education, 44(10), 1768–1780. https://doi.org/10.1080/03075079.2019.1665324
  • Kerres, M. (2018). Mediendidaktik: Konzeption und Entwicklung mediengestützter Lernangebote (5. Auflage). Berlin: De Gruyter Oldenbourg Verlag.
  • Krommer, A. (2019). Paradigmen und palliative Didaktik. Oder: Wie Medien Wissen und Lernen prägen. Abgerufen 7. Dezember 2019, von Bildung unter Bedingungen der Digitalität website: https://axelkrommer.com/2019/04/12/paradigmen-und-palliative-didaktik-oder-wie-medien-wissen-und-lernen-praegen/
  • Werner, J., Ebel, C., Spannagel, C., & Bayer, S. (Hrsg.). (2018). Flipped Classroom—Zeit für deinen Unterricht. Praxisbeispiele, Erfahrungen und Handlungsempfehlungen. Abgerufen von http://flipyourclass.christian-spannagel.de/wp-content/uploads/2018/10/9783867938693_Flipped_PDF-Onlineversion.pdf
  • Zeaiter, S., & Handke, J. (Hrsg.). (2017). Inverted Classroom—The Next Stage. Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert. Baden-Baden: Tectum.

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