Mythenkalender #14: Liest du nur schnell oder verstehst du auch?

Es gibt Menschen, die können 25.000 Wörter in der Minute lesen. Zumindest wird das behauptet. Müssen wir uns schlecht fühlen, wenn wir langsam lesen?

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Im digitalen Zeitalter wird ja alles gemessen. Wenn Sie zum Beispiel einen E-Book-Reader zur Hand nehmen, dann zeigt Ihnen dieser vielleicht an, wie lange Sie wahrscheinlich an diesem Kapitle lesen werden. Und diese Zeitangabe setzt den einen oder die andere vielleicht unter Druck und man verändert sein Leseverhalten. Man ist gestresst.

Lesetypen

De Bruyckere et al. (2020) zeigen in ihrem neuen Buch, die – nein Sie haben sich nicht verlesen, erst 2020 auf dem Markt erscheint laut Titelblatt – wissenschaftliche Seite des Lesens auf. Das im Vorspann genannte Beispiel der 25.000 Wörter in der Minute soll es wirklich gegeben haben, dabei liest eine erfahrene Englisch lesende Person durchschnittlich 300 bis 400 Wörter in der Minute. Sind die 25.000 Wörter Fake News? De Bruyckere et al. (2020) halten sich bedeckt und formulieren sehr vorsichtig. Sie beantworten aber gleich am Beginn des Textes den Mythos: Nein, wir sind keine guten Speed Reader.

Reading

Geht man davon aus, dass das Lesen das „processing of textual information to establish the meaning of each word and sentence” (De Bruyckere et al. 2020: 42) ist, so sind Verstehen und Merken in diesem Prozess mitgemeint, treten aber nicht zwangsläufig parallel auf. Sie kennen das: Es gibt Texte, die muss man zwei, drei, vier Mal oder gar noch öfter lesen, um sie zu verstehen. De Bruyckere et al. (2020) nennen als Beispiel Texte, in denen viele Pronomen verwendet werden und in denen die Nomen, die durch Pronomen ersetzt werden, von diesen, wie vielleicht auch in diesem künstlich geschaffenen Schachtelsatz, weit entfernt liegen. Aber das ist nur ein möglicher Grund. Es gibt Gattungen, die sind eingänglicher als andere (Lyrik vs. Epik), es gibt Textsorten, die sind zugänglicher als andere (wissenschaftlicher Essay vs. Bedienungsanleitung).

Natürlich spielt auch eine Rolle, wie aufmerksam man ist und ob man sich beim Lesen ablenken lässt. Wir verweisen hier auf den Beitrag #11 zum Multitasking.

Skimming

Das „Skimming involves scanning a text to identify specific words or pieces of information, so that you can gain a general impression of the contents.” (De Bruyckere et al. 2020: 43) Wie auch die Autoren schreiben liegt hier nicht das Verstehen im Vordergrund sondern ein Überblick in einen Text. Man ist beim Skimming zwei bis vier Mal schneller als beim klassischen Lesen, man merkt sich jedoch weniger und versteht auch weniger. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass das Skimming eine gute Pre-Reading Technique sei, dass man, wenn man einen Text zuerst scannt und dann erst in die Tiefe liest, am Ende ein höheres Verständnis und eine bessere Merkleistung erreicht. Dies liegt, auch darin, dass man den Text auf diese Weise zwei Mal durcharbeitet. Zum einen erfasst man die Struktur und den Aufbau, zum anderen geht man in die Tiefe.

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Speed Reading

Beim Speed Reading gibt es unterschiedliche Techniken, die dabei helfen sollen, die Lesegeschwingkeit zu steigern. De Bruyckere et al. (2020) nennen einige: So lässt sich das Auge führen, indem man mit dem Finger oder einem Stift mitliest und somit verhindert, dass das Auge beim Lesen die Zeile verliert, zu schon Gelesenem zurückwandert. Man bleibt auf das Zu-Lesende fokussiert. Dabei ist, so die Autoren, gerade diese Zurück- und Nach-Vorne-Wandern wichtig, um ein besseres Verständnis zu erlangen und sich mehr zu merken. Je weniger Augenbewegung man macht, umso weniger versteht man, desto höher ist jedoch die Geschwindigkeit beim Lesen. Warum? Auch hier ist die Erklärung auf den ersten Blick einfach: Man liest einzelne Wörter, Passagen, Absätze doppelt, was einprägsam sein kann; man liest aber doppelt, was Zeit braucht. Eine zweite Technik geht davon aus, dass man Wörter, Sätze und Seiten photographisch erfassen kann – auch hier sei auf einen bereits behandelten Mythos (#7) verwiesen, der gezeigt hat, dass wir kein photographisches Gedächtnis haben. Zumindest fehlt hierfür die wissenschaftliche Basis. Eine dritte Technik besagt, dass es das Lesetempo erhöht, wenn wir unsere innere Stimme, die beim Lesen mitliest und uns vor dem inneren Auge den Text vorliest, ausschalten sollen. Wie auch bei den wiederholten Augenbewegungen hilft uns aber gerade diese innere Stimme, das Gelesene zu merken, da der Inhalt multicodal bzw. multimodal erfasst und verarbeitet wird.

Als wichtigste Voraussetzung, die Lesegeschwindigkeit zu erhöhen, sehen die Autoren aber eine: Üben, Üben, Üben. Denn Lesen funktioniert dann gut, wenn man Wörter als ganze wahrnimmt, sie erkennt und auch die Bedeutung versteht.

Wer liest nun besser?

Abgesehen davon, dass das „besser Lesen“ eine schwammige Formulierung ist, hat die Forschung herausgefunden, dass Skimmers zwar an der Oberfläche ein besseres Textverständnis zu haben scheinen, da sie, wenn die Zeit begrenz ist, den Text bereits im Ganzen erfasst haben, während andere Leser*innen im Experiment vielleicht erst bei der Hälfte des Textes waren, dass Skimmer aber bei wichtigen Passagen ebenso langsamer werden und sie – sobald es in Details geht – weniger Verständnis haben und sich auch weniger merken.

Und nun?

De Bruyckere et al. (2020) betonen, dass es wichtig ist, zu lesen und das Lesen zu üben, um schneller lesen zu können, dass wir aber keine Speed Reader sind. Diesem Rat ist sicherlich zuzustimmen. Und Techniken wie das Close Reading zu trainieren.

Allgemein ist der Text aber auch mit Vorsicht zu genießen, weil er an der Oberfläche bleibt – wie auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema. Es gibt zum Lesen einiges an Forschung (siehe zum Beispiel die Uni Hamburg) und hier zeigt sich, dass zum einen wichtig ist, warum gelesen wird (kontemplativ, lernend, forschend usw.) und zum anderen, was gelesen wird. Lesen wir in einer Nicht-Erstsprache oder lesen wir in der Bildungssprache, die uns nicht vertraut ist. Lesen wir zum ersten Mal einen wissenschaftlichen Text, von dem wir den Duktus der Disziplin nicht kennen (und wir könnten genügend Beispiele für Texte anführen, die unlesbar wirken und die man gefühlt zehn Mal lesen muss, um annähernd das Gefühl zu haben, man könnte sie verstehen). Wie steht es im Text um Kohärenz und Kohäsion – und wie um die Verwendung von termini technici, die man vielleicht nachschlagen muss?

Übung ist sicherlich zentral, aber vor allem auch das Vermitteln von Lesestrategien. Im österreichischen Lehrplan steht an unterschiedlichen Stellen die Forderung, auch Lernstrategien, im Fremdsprachenunterricht auch Gesprächsstrategien zu vermitteln. Das trifft auch auf das Lesen zu. So können wir auch verhindern, dass Menschen sich damit zufrieden geben, die Überschrift zu lesen, das Bild anzuschauen und sich auf dieser Basis eine Meinung zu bilden, die sie dann verbreiten. Außerdem sollte Lesen Spaß machen – aber das ist eine andere Baustelle.

Weiterführende Lektüre

Quelle

De Bruyckere, Pedro; Kirschner, Paul A. & Hulshof, Casper D. (2020). „Myths about the ‘How’: Myth 6: Can We Speed Read?“, in: dies. (Hg.), More Urban Myths about Learning and Education. Challenging Eduquacks, Extraordinary Claims, and Alternative Facts. New York: Routledge: 42-45.

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