Mythenkalender #15: Die digitale Bildungsrevolution

Die digitale Bildungsrevolution: Gibt es sie? Und wer hat sie noch mal ausgerufen?

Mit dem Aufkommen neuer Technologien wird schon jeher eine allumfassende Veränderung von Lernen und Bildung verbunden. Gegenwärtig sind dies Tablets, Smartphones und die Möglichkeiten der digitalen Datensammlung und -auswertung mittels Künstlicher Intelligenz, Learning Analytics, Data Mining, usw.

Quelle: Pixabay

Einen großen Einfluss haben dabei profitorientierte Unternehmen, z.B. die Gartner Inc., die sich verantwortlich zeichnet für die regelmäßige Veröffentlichung des Gartner Hype Cycle (Version 2019): eine spannende Kurve, möchte man sich über neue Technologien informieren. Die Informationen, die geliefert werden, können jedoch keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Alle Technologien scheinen das gleiche Schicksal zu teilen und ähnlich bereits vorgestellten Grafiken lassen sich alle Tools perfekt an einem Punkt anordnen.

Auch im deutschsprachigen Raum sind es Unternehmen, die uns eine Revolution des Lehrens und Lernens versprechen, die Gründe dafür überlassen wir unseren kompetenten Leser*innen gerne selber.

Ein Beispiel unter vielen

Was wissen wir über den Einsatz von Medien ganz allgemein für den Lernerfolg?

Eigentlich ziemlich viel und auch viel Nützliches:

Bereits 1983 hat Richard Clark (Clark, 1983) postuliert, dass nicht das Medium den Lernerfolg beeinflusst, sondern die gewählte didaktische Methode. Diese Aussage bedeutet jedoch nicht, dass die Wahl eines Lernmediums egal ist, sondern entsprechend der Lernziele und der Verfügbarkeit bestimmter Medien erfolgen sollte. Die Aussage von Clark ist auch heute noch gültig.

Getto und Kerres (2017) haben sich mehrere Metaanalysen zum Einsatz unterschiedlicher Technologien angesehen und kommen zu dem Schluss, dass sich kein wirklich großer Effekt nachweisen lässt.

Auch De Bruyckere, Kirschner, und Hulshof (2015) ziehen diesen Schluss nach Durchsicht vieler Studien, die unterschiedliche Medien miteinander verglichen haben. Gute Resultate wurden vor allem für solche Lernumgebungen gefunden, die einen didaktisch begründeten Einsatz von Medien mit „good teaching“ kombinieren. Vergleicht man ein und dieselbe Methode, jedoch unter Einbezug unterschiedlicher Medien, finden sich keine Unterschiede hinsichtlich des Lernerfolgs.

Für die Motivation gilt dies nicht, dieses Thema behandeln wir am Tag #16 ausführlicher.

Es wird wahrscheinlich nie das eine BESTE Medium geben und es wird auch nie eine Revolution geben, nur weil aktuell neue Technologien zur Verfügung stehen.

Neue Technologien und Tools können aber dabei unterstützen, lernwirksame Faktoren erfolgreich umzusetzen. So konnte Hattie (2008, 2013, 2014) im Rahmen seiner Meta-Metaanalyse zeigen, dass Feedback, Vielfalt an Lernstrategien und Lernangeboten sowie Lernen mit und durch Peers durch den Computereinsatz optimiert werden können (z.B. 2013, S. 259-268). 

Was nun?

Wir sollten die „digitale Bildungsrevolution“ endgültig absagen und uns besser den Chancen, Herausforderungen, Risiken und Gestaltungsmöglichkeiten in der Kultur der Digitalität zuwenden (Allert & Richter, 2017). Für das Lehren und Lernen heißt dies, Methoden- und Medienvielfalt zu leben, besonders Lernanfänger*innen mit viel Unterstützung zur Seite zu stehen und eine echte wichtige Fähigkeit für das 21. Jahrhundert zu trainieren und zu fördern: Information/Data Literacy.

Ob dazu ein „digitales Klassenzimmer“ notwendig ist, wird sich zeigen.

Quellen

Allert, H., & Richter, C. (2017). Kultur der Digitalität statt digitaler Bildungsrevolution. Pädagogische Rundschau, 71, 19–32.

Clark, R. E. (1983). Reconsidering Research on Learning from Media. Review of Educational Research, 53(4), 445–459.

De Bruyckere, P., Kirschner, P. A., & Hulshof, C. D. (2015). „Myths about Technology in Education. Myth 1: New Technology Is Causing a Revolution in Education“, in: dies. (Hg.), Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam et al.: Elsevier: 129-134.

Getto, B., & Kerres, M. (2017). Digitalisierung von Studium & Lehre: Wer, warum und wie? In I. van Ackeren, M. Kerres, & S. Heinrich (Hrsg.), Flexibles Lernen mit digitalen Medien ermöglichen – Strategische Verankerung und Erprobungsfelder guter Praxis an der Universität Duisburg-Essen (S. 17–34). Münster: Waxmann.

Hattie, J. (2008). Visible Learning: A Synthesis Over 800 Meta-Analyses Relating to Achievement. London and New York: Routledge.

Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen (W. Beywl & K. Zierer, Übers.). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Hattie, J. (2014). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen: Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning for Teachers“. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.

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