Mythenkalender #16: Das Lebensweltargument

„Digitale Technologien sind Teil der jugendlichen Lebenswelt und müssen folglich auch in der Schule und Hochschule berücksichtigt werden.“ Schon mal gehört?

Dieser Mythos muss differenziert – aus zumindest zwei Perspektiven – betrachtet werden.

Institutionell vs. privat

De Bruyckere, Kirschner, und Hulshof (2015) beziehen sich im Rahmen dieses Kapitels auf den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) für das Lehren und Lernen. Sie betonen, dass die private Auseinandersetzung oder der private Besitz alleine zu wenig sind, um einen Einsatz in Schule und Hochschule zu rechtfertigen. Sie stellen hier auch eine Verbindung zu motivationalen Faktoren her (wir haben darauf bei #15 hingewiesen) und halten fest, dass motivationale Effekte ausgelöst von bestimmten Medien und Technologien nur von kurzer Dauer sind. Zu diesem Schluss kommen auch andere Autor*innen, z.B. Blömeke (2003) und Kerres (2018).

Erfolgte eine längerfristige Implementation von ICT, wurde dies zumeist negativ bewertet (Kontext hier Student*innen, also Hochschule). Studierende wünschten sich sogar einen stärker reduzierten Einsatz von Technologie, in Kombination mit traditionellen pädagogischen Ansätzen. Diese Befunde decken sich auch mit einer Studie von Jones und Shao von 2011 (zitiert nach De Bruyckere et al., 2015, S. 136), wonach Studierende einen „moderaten“ Einsatz von ICT bevorzugen und sie auch nicht von Natur aus neueste Technologien selber ausprobieren und nutzen. Als Beispiele werden Blogs, Wikis und virtuelle Welten genannt.

Quelle: Pixabay

An dieser Stelle möchten wir anmerken, dass die zitierte Studie aus dem Jahr 2011 ist. Zentral erscheint uns hier der Begriff „naturally“, den wir mit „von Natur aus“ übersetzt haben. Damit soll ausgedrückt werden, nur weil jemand vielleicht aus unserer subjektiven Sicht zur Gruppe von Blogger*innen oder VR-Anwender*innen gezählt werden könnte, heißt dies nicht, dass er/sie auch tatsächlich solche Technologien nutzt. Wir machen diese Erfahrungen im Rahmen von Lehrveranstaltungen immer wieder. Es gibt 17-Jährige, die noch nie eine VR-Brille aufhatten und es gibt Erwachsene, die nicht wissen, was ein Blog ist (auch hier: subjektive Beobachtungen).

Eine spannende Quelle in diesem Kapitel ist das Buch It’s complicated von danah boyd. Sie befasst sich mit den Gründen, warum Jugendliche Social Media verwenden. Ein Fazit bei ihr lautet, dass es in erster Linie um den sozialen Austausch und das Teilen von Informationen sowie das Treffen on- und offline geht.

Das Lebensweltargument klingt auf den ersten Blick absolut plausibel, wichtiger ist für De Bruyckere et al. (2015) jedoch, dass die Lernenden einen echten Mehrwert (!) für ihr eigenes Lernen, im Sinne ihrer im Buch immer wieder genannten 3E (= efficient, effective and/or enjoyable), erkennen.

Die Notwendigkeit

Die zweite Betrachtung kommt bei De Bruyckere et al. (2015) nur kurz vor. Sie wollen auf keinen Fall, dass das Internet und moderne Technologien in der Schule und in Hochschulen nicht behandelt werden: „…it is important that the world of education should not become isolated from what is happening in the real world.“ (ebd. S. 138).

Wir möchten hier ergänzen, was z.B. Döbeli Honegger (2016, o. J.) mit Lebensweltargument meint, nämlich einen reflexiven und kompetenten Umgang mit digitalen Medien, die zunehmend das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen mitprägen.

Tipps und Tricks

Am Ende ein paar Tipps zum Lernen und Lehren mit Technologie, zu finden bei De Bruyckere et al. (2015) auf den Seiten 162-163, ebenso bei De Bruyckere, Kirschner und Hulshof (2016) als frei zugängliches PDF. Empfehlen können wir außerdem deutschsprachige Bücher zur Mediendidaktik: Kerres, 2018; Mayrberger, 2019; Petko, 2014

  • Text und Bilder verwenden
  • Gesprochenen Text und Bilder kombinieren
  • Auf irrelevante Informationen verzichten, z.B. bei Lernvideos
  • Lernmaterialien in Einheiten zerlegen
  • Genug Zeit für Übungen einplanen
  • Lernenden Kontrolle über das Material geben (Hinweis: Zu viel Kontrolle kann kontraproduktiv sein, falls selbstgesteuertes Lernen noch nicht geübt wurde.)
  • Online-Formate so designen, wie auch Offline-Formate aussehen würden. Also Input à Übungen, selbstständiges Arbeiten, … à gemeinsames Besprechen, Diskutieren, Reflektieren der Ergebnisse und Lösungen (z.B. (erwachsenenbildung.at, o. J.; Teml & Teml, 2006)

Quellen

  • Blömeke, S. (2003). Lehren und Lernen mit neuen Medien-Forschungsstand und Forschungsperspektiven. Unterrichtswissenschaft, 31(1), 57–82.
  • De Bruyckere, P., Kirschner, P. A., & Hulshof, C. D. (2015). „Myths about Technology in Education. Myth 2: The Internet Belongs in the Classroom Because It Is Part of the Personal World Experienced by Children“, in: dies. (Hg.), Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam et al.: Elsevier: 135-138.
  • De Bruyckere, P., Kirschner, P. A., & Hulshof, C. D. (2016). Technology in Education. What Teachers Should Know. American Educator. Abgerufen von http://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1094203.pdf
  • Döbeli Honegger, B. (2016). Mehr als 0 und 1 (1. Aufl.). hep verlag.
  • Döbeli Honegger, B. (o. J.). Lebensweltargument: ICT gehört in die Schule, weil es die Alltagsrealität der SchülerInnen (mit) prägt. Abgerufen 14. Dezember 2019, von https://beat.doebe.li/bibliothek/a00570.html
  • erwachsenenbildung.at. (o. J.). Mit dem KIOSK-Modell Lehre planen. Abgerufen 14. Dezember 2019, von https://erwachsenenbildung.at/aktuell/nachrichten/8227-mit-dem-kiosk-modell-lehre-planen.php
  • Kerres, M. (2018). Mediendidaktik: Konzeption und Entwicklung mediengestützter Lernangebote (5. Auflage). Berlin: De Gruyter Oldenbourg Verlag.
  • Teml, H., & Teml, H. (2006). Erfolgreiche Unterrichtsgestaltung. Wege zu einer persönlichen Didaktik. Innsbruck: Studienverlag.

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