Mythenkalender #6: Entdeckendes Lernen? Ein Kinderspiel…

Vor ein paar Monaten habe ich mich zum ersten Mal an ein Klavier gewagt. Ich dachte, so schwer kann das ja nicht sein und wollte einfach mal drauf los spielen. Wer auch nur ein klein wenig Ahnung vom Klavierspielen hat, weiß, dass ich kläglich gescheitert bin.

Ich hatte keine Ahnung, welche Note zu welcher Taste gehört und nur durch das Hören beim Anspielen war es mir nicht möglich, hier weiterzukommen. Also habe ich mir eine App geschnappt, die mich nun Schritt für Schritt anleitet und immerhin kann ich heute die «Ode an die Freude» spielen. Meine Freundin spielt schon etwas länger. Sie braucht keine App. Sie braucht auch keine Noten. Sie hört ein Lied, schaut sich im Internet die Gitarrenakkorde dazu an (ja, sie spielt auch Gitarre;)) und versucht dann dieses Lied nach Gehör nachzuspielen. Mit Erfolg. Für mich absolut erstaunlich und immer wieder beeindruckend.

Quelle: Pixabay

Warum beginnt unser heutiger Eintrag mit dieser Geschichte: Jede*r wird im Laufe des Lebens mal mit gänzlich Neuem konfrontiert. In diesem Moment sind wir Anfänger*innen (Noviz*innen), wir verfügen über kein oder zu wenig Vorwissen. Bekommen wir in dieser Phase unseres Lernens keine Unterstützung, ist die Gefahr groß, dass unser Arbeitsgedächtnis überfordert wird und keine Speicherung des Gelernten im Langzeitgedächtnis stattfindet (De Bruyckere, Kirschner, & Hulshof, 2015, S. 50) [1].

Beim Trend des „Entdeckenden Lernens“ (auch discovery learning, self-discovery learning oder forschend-entdeckendes Lernen) wird diese auf empirischen Untersuchungen beruhende Erkenntnis immer wieder ignoriert. Kinder und Jugendliche werden in Situationen versetzt, die sie schlicht überfordern und trotz längerer „Beschäftigung“ mit einer Sache zu keinem nennenswerten Lernerfolg führt. Das Konzept in seiner Grundform geht zurück auf Jerome Bruner. Er selbst war es auch, der wenige Jahre nach der Erfindung von discovery learning ein neues Konzept entwickelte, dieses Mal mit dem Namen guided discovery. Wie der Name schon sagt, bekommen die Lernenden bei diesem Konzept Unterstützung von außen und werden nicht auf sich alleine gestellt. Die Unterstützungsmaßnahmen werden nach und nach weniger, bis die Lernenden keine Anleitung mehr brauchen.

Für Expert*innen gilt dies nicht, für sie scheint ein forschend-entdeckender Zugang äußert effektiv zu sein (De Bruyckere et al., 2015, S. 52).

Ein weiteres Problem mit dem selbst-entdeckenden Lernen ist, dass die Lücke zwischen leistungsschwächeren und -stärkeren Lernenden weiter auseinanderklafft. So wollen leistungsschwächere Kinder zwar Inhalte lieber selber entdecken, lernen tun sie dabei aber nur wenig. Die Leistungsstärkeren hingegen können auf ihre bereits bestehenden Fähigkeiten zurückgreifen und kommen mit den Anforderungen beim Entdecken neuer Wissensdomänen besser zurecht. Zieht sich die Lehrperson hier zu stark aus dem Lernprozess zurück, kommt es zu wenig Feedback und Missverständnisse bleiben bestehen (Hattie & Yates, 2014)[2].

Sollen wir aufgrund der skizzierten Herausforderungen auf discovery learning verzichten?

Wie so oft in der Bildungsforschung gibt es auch auf diese Frage keine einfache Antwort. Im Unterschied zu anderen vorgestellten Mythen ist das entdeckende Lernen für De Bruyckere et al. (2015) kein echter Mythos. Vielmehr gilt es, noch mehr Forschung zu discovery learning zu machen, um konkrete Empfehlungen für die Praxis liefern zu können. Die bei ihnen vorgestellten Studien zeigen ein differenziertes Bild. Manchmal bringt discovery learning etwas, ein anders Mal wieder nicht.  

De Bruyckere et al. (2015) empfehlen auf „reines entdeckendes Lernen“ zu verzichten und Lernenden mit genügend Unterstützung im Entdeckungsprozess hilfreich zur Seite zu stehen.

Besonders Anfänger*innen und leistungsschwächere Lernenden sind hier auf guten Support durch Lehrpersonen angewiesen.

Passend dazu:

Wie so oft: Die Mischung macht es aus…

Auf diesen Ausgangstweet folgte eine Diskussion und diese Antwort:

[1] De Bruyckere, P., Kirschner, P. A., & Hulshof, C. D. (2015). Urban Myths about Learning and Education. London: Academic Press.

[2] Hattie, J., & Yates, G. C. R. (2014). Visible Learning and the Science of How We Learn. Ney York: Roudledge.

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