Mythenkalender #7: Aber genau so war’s doch…

Ich hab’s genau gesehen! Sie haben das genau so gesagt! Ich kann mich gut daran erinnern! Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Es war so und nicht anders… Und ich entschuldige mich gleich für einen langen Beitrag…

Quelle: Pixabay

Es gibt Themen, die bewegen. Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses Thema so erwischt, aber es ist passiert. Die Erinnerung und das Gedächtnis spielen beim Lernen eine zentrale Rolle, die auch von De Bruyckere et al. (2015) anschaulich verdeutlicht wird. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, das Gedächtnis einzuteilen oder Schritte der Informationsverarbeitung zu bezeichnen. Es gibt unterschiedliche Arten von Gedächtnis, es gibt unterschiedliche Etappen vom Erfassen über das Verarbeiten bis zum Wissen. Diese Prozessbeschreibungen können bei den Autoren kompakt und anschaulich nachgelesen werden. Ich will den Mythos hier gleich zerstören, wenngleich wir uns relativ klar darüber sind, dass ein zu hundert Prozent verlässliches Gedächtnis eine Mär ist.

Kann man sich auf die Erinnerung verlassen?

Nein.

Die Antwort ist kompakt und wahrscheinlich nicken viele gerade ungläubig. Ungläubig deshalb, weil ich mir diesen Mythos bewusst ausgesucht habe, wo es doch klar ist, dass es ein Mythos ist. Ja, das stimmt alles. Ich finde dieser hier hat aber immense Auswirkungen auf das Lernen und Lehren, weshalb ich ihn ausführlich betrachten will.

Wir nehmen selektiv wahr.

Wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren (bewusst), dann blenden wir (bewusst) andere Dinge aus. Wenn wir aber unbewusst wahrnehmen, dann blenden wir ebenfalls, aber unbewusst, andere Stimuli aus unserer Umgebung aus. Unsere Wahrnehmung trifft eine Vorauswahl, unser Arbeitsgedächtnis kümmert sich um die Verarbeitung und kann gerade mal sieben Stimuli gleichzeitig verarbeiten. Was in unser Langzeitgedächtnis wandert hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, die bei De Bruyckere et al. (2015) auch in Auszügen genannt werden.

Wenn ich Ihnen zum Beispiel sage, Sie sollen die Pässe, die die Spieler*innen im weißen Shirt machen, in diesem Video zählen, welche Antwort haben Sie dann?

Quelle: YouTube

Vielleicht ist Ihre Antwort aber auch: Affe?!? Haben Sie sich so sehr auf die Pässe und die Menschen im weißen Shirt konzentriert, dass Ihnen der Affe entgangen ist, der durchs Bild gelaufen ist. Sie haben ja die schwarzen Shirts ausgeblendet ? Unaufmerksamkeitsblindheit wird dies auch genannt – man könnte auch selektive Wahrnehmung dazu sagen.

Nun, unsere Wahrnehmung muss selektiv sein, sonst würden wir unter einer Reizüberflutung leiden – manchmal erleben wir diese ja auch. Sich zu fokussieren und selektiv wahrzunehmen, ist etwas, das man bis zu einem gewissen Grad lernen kann. Es spielt vor allem auch für das Lernen eine wichtige Rolle:

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Im Unterricht wird zwischen dem Input und dem Output unterschieden, dazwischen gibt es aber den Intake (bekannt aus der Forschung um den Zweitsprachenerwerb).

Quelle: Slideshare

Das ist jener Anteil des Inputs, der die Selektion überlebt und ins Arbeitsgedächtnis geschickt wird. Die Selektion wird dabei auf Basis von Vorwissen oder auch Erfahrungen, Interesse, Motivation, Tageszeit, Müdigkeit und vielen anderen Faktoren getroffen. In den übrigen Blogposts im Mythenkalender haben wir hierzu schon einiges geschrieben. Das Vorwissen ist folglich wichtig. Das Intake entscheidet darüber, welche Information zu Wissen wird. Den Schritt von den Fakten (Daten) zur Information machen in einem instruktionalen Setting die Lehrperson und im konstruktivistischen Setting die Lernenden selbst.

Wieso dies für den Unterricht und die Lehre wichtig ist? Weil Schüler*innen oder Studierende und Lehrer*innen oder Lehrende unterschiedliche Dinge in Erinnerung halten und dennoch beide der Meinung sind, dass sie recht hätten. Wir kennen doch die Reaktion auf die Aussage: „Das habe ich letzte Woche so angesagt.“ Und vielfach ist das Nicht-Wissen gar nicht gespielt, weil die Wahrnehmung nicht mitgespielt hat. Lehrende und Lernende nehmen unterschiedliche Dinge wahr. Dies hat einen banalen Grund.

Gedächtnis ist subjektiv.

Jeder nimmt, aufgrund seiner persönlichen Landkarte (um Watzlawick hier zu bemühen), Dinge anders wahr und erinnert diese Dinge infolge anders. Beim Speichern verstärken wir einzelne Aspekte (unbewusst wie auch bewusst) oder selektieren sie (unbewusst wie auch bewusst) aus. Ist man in einen Menschen verliebt, neigt man dazu, dessen negative Seiten auszublenden, schönzureden, zu übersehen. Wacht man aus der ersten Verliebtheit auf, sieht die Sache anders aus.

Hören Sie beispielsweise folgendes Lied mit Ihren Lernenden:

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Jede*r wird es anders wahrnehmen: Ist oder war die Person in einer derartigen Situation? Ist die Person mit dem Vanitas-Prinzip des Barocks vertraut? Sind Fiktionalisierung, Realitätskonstrukte und Selbststilisierung als Phänomene bekannt? Wie sieht es mit der Geschlechterforschung und den Rollenbildern aus? Gibt es Musikolog*innen unter den Lernenden? Wir nehmen unterschiedlich wahr, wir verarbeiten auf Basis unterschiedlicher Schemata oder Parameter.

Unsere Erinnerung an ein und den selben Moment muss nicht gleich sein. Diese Erfahrung macht die Polizei beispielsweise ständig bei Zeugenbefragungen. Diese Erfahrung machen aber auch wir Lehrende, wenn wir Lernzielkontrollen schreiben lassen. Kennen Sie diese*n eine*n Lernende*n, der/die immer genau wusste, wo ein Vokabel stand, es aber nicht erinnert. Dass es sich hierbei nicht um einen visuellen Lerntyp handelt, haben wir ja am 1. Dezember schon geklärt. Vielmehr hat er/sie vielleicht das räumliche Gedächtnis beim Lernen genutzt. Was wird man einer derartigen Person beim nächsten Mal raten? Lernkarteikarten? Die Reihenfolge der Vokabeln zu drehen. Lernen und Erinnern gehen Hand in Hand.

Unser Gedächtnis ist detailarm.

Das eidetische Gedächtnis ist eines, das dem umgangssprachlich photographischen Gedächtnis nahe kommt, aber nicht ident ist. Wir merken uns die groben Züge einer Situation, aber nicht die Details. Diese werden nachträglich hinzugefügt. Wenn wir beispielsweise eine Geschichte mehrfach erzählen, werden die Details sich ändern, die große Linie bleibt. Umso öfter wir sie erzählen, umso unglaubwürdiger und weiter von der realen Situation entfernt, wird sie. Nicht jede*r von uns hat einen Gedächtnispalast, in den wir uns zurückziehen können:

Ja, ich musste Sherlock hier einbauen – weil er sich in mein Gedächtnis eingeprägt hat. Er ist schließlich auch ein Meister der Beobachtungsgabe:

Quelle: YouTube

Viele Kinder sind beispielsweise viel aufmerksamer, was Details angeht, weil sie Sinneseindrücke anders verarbeiten, auf andere Dinge Wert legen. „Frau Professor, Sie haben heute gar keine Brille auf.“ Ups, stimmt. Ich wusste, da fehlt was. Deshalb seh ich so schlecht… Ja, ist mir in der Schule öfter so gegangen. Kinder sprechen diese Wahrnehmung auch aus, sie sind neugierig.

Ist das Thema wirklich aktuell?

Ja. Auch hier ist die Antwort auf die Frage sehr leicht zu geben. Dies hat mit unserer Mediennutzung und in weiterer Folge mit unserem Umgang mit Informationen zu tun. Wie wird in der heutigen Zeit gelesen? Oberflächlich. Wir scrollen durch die Timelines unserer Social-Media-Kanäle, wir blättern die Zeitung durch. Worauf achten wir? Auf das Bild und die Überschrift. Lesen wir auch die Beiträge? Vielfach nein. Was passiert? Halbwissen wird generiert.

Bild-Text-Konstrukte

Wir leben in einer visuellen Gesellschaft, in Firmen ihre Dienstleistungen verkaufen wollen. Wenn wir also über eine Timeline scrollen oder etwas recherchieren und Beiträge – z.B. Wikipedia (da aufgrund des Algorithmus in der Suche recht weit oben – nur überfliegen, dann kann es passieren, dass wir das Nicht-Wahrgenommene mit unseren subjektiven Details (Gedanken, Ideen, Interpretationen) füllen. Unser Blick verweilt dort ein wenig länger, wo das Auge angesprochen wird. Sex sells. Das wissen wir. Aber auch das Bild- und Text-Verhältnis ist wichtig. Die Anbieter sog. Clickbait-Kampagnen sind hierauf spezialisiert. Auch YouTube ist einer dieser Anbieter:

Quelle: YouTube

Umso reißerischer eine Überschrift, umso abstruser ein Bild, umso eher verweilen wir ein wenig länger auf einem Beitrag. Vielleicht einfach nur, weil wir uns die Frage stellen: Häää?!? Oder auf Jugendsprache: Wtf?!?

Hier ein aktuelles Beispiel aus der Kleinen Zeitung:

Also passen da Bild und Headline zusammen? Frage für einen Freund…

Gepostet von Elke Höfler am Mittwoch, 4. Dezember 2019

Wer also auf Ebene der Überschrift bleibt, hat viel Spielraum für Interpretationen, was zwar für die Creativity gut ist, aber das Critical Thinking ein wenig vernachlässigt (aufgrund fehlender Informationen) und in der Communication Probleme bereiten kann. Somit wären wir bei den sog. 21st Century angelangt, aber dazu später mehr.

Wie kommt man gegen den Mythos an?

Man ist sich des Mythos „verlässliches Gedächtnis“ meist durchaus bewusst. Daran scheitert es nicht. Wichtig ist aber, die Implikationen für unser Lernen und Lehren daraus abzuleiten und zu berücksichtigen. Individualität, Interpretation, Interesse, Ignoranz… Die Parameter sind unterschiedlich, aber elementar, wenn man Lernende im Lernen begleiten will.

Quelle

[1] De Bruyckere, Pedro; Kirschner, Paul A. & Hulshof, Casper D. (2015). „Myths about Learning. Myth 10: Our Memory Records Exactly What We Experience“, in: dies. (Hg.), Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam et al.: Elsevier: 70-76.

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