Mythenkalender #1: Menschen haben unterschiedliche Lernstile.

Josef Buchner und ich haben uns für die heurige Adventszeit etwas Besonderes überlegt. Es gibt in unserem Bereich, der Bildung im Allgemeinen, sehr viele Mythen, die sich in den letzten Jahren nicht nur hartnäckig gehalten haben, sondern auch neu etabliert haben. Wir wollen in einige davon in Form eines Adventkalenders – als Mythenkalender – betrachten.

Die Sache mit den Lernstilen

In der Lehrer*innenausbildung hält sich der Mythos der Lernstile und daraus abgeleiteten Lerntypen konstant, in den (sozialen) Medien wird er nicht selten aufgegriffen und bestärkt. Wir alle kennen schließlich jemanden, der etwas sehen muss, um es zu lernen, der etwas hören muss, um es zu lernen und am besten ist sowieso, wir tun etwas. Dann lernen wir besonders gut.

Quelle: Pixabay

Nun, unterschiedliche empirische Studien, die bei De Bruyckere et al. (2015) [1] nachgelesen werden können, haben herausgefunden, dass dem eigentlich nicht so ist. Frägt man Lernende nach ihren bevorzugten Lernstilen und nach ihrem Lerntyp und versucht man anschließend herauszufinden, ob dieser Lernstil oder Lerntyp beim Lernen wirklich für bessere Ergebnisse sorgt, fällt die Antwort nicht selten negativ aus. Auch werden Lehrmethoden oftmals so gewählt, dass sie dem Lernergebnis nicht zuträglich sind.

Vor allem an der Lerntypendiagnostik lässt sich so einiges aussetzen. Zum einen sind wir meist keine zu 100% eindeutigen Typen, zum anderen sind die Fragen, die man bei Lerntypentests beantworten muss, gelinde gesagt oberflächlich wenn nicht sogar absurd. Oftmals darf nur eine Antwort angekreuzt werden, obwohl man mehrere ankreuzen möchte. Außerdem: Woher kommen die Lernstile und Lerntypen noch mal gleich? Wer hat sich die Bezeichnungen einfallen lassen? Wieso lassen sie sich vielfach nur auf einen Sinneskanal beschränken – und was ist dann mit jenen Sinnen, die eigentlich kaum angesprochen werden? Und auch wenn die Stile anders benannt werden – Macher, Entscheider, Entdecker, Denker – wie bei Kolb beispielsweise, so sind wird nicht auf einen dieser Stile beschränkt, sondern sind eben in einer Situation so, in der anderen so.

Gibt es nun Lernstile und Lerntypen?

Möglich, es ist aber nicht wissenschaftlich bewiesen. Vielfach werden wir in eine Richtung, besonders das Visuelle, sozialisiert, vielfach dienen Lerntypen als Ausrede für Versagen oder als Vorwand für eine spezifische Vorgehensweise. Es ist auch ganz praktisch, Menschen in Schubladen und Kategorien stecken – also nach Lernstilen zu sortieren und als Lerntypen zu klassifizieren.

Ist das Thema wirklich aktuell?

Dass Lerntypen und Lernstile noch immer genutzt werden, zeigt sich sehr schnell: Man suche beispielsweise auf Twitter nach den passenden Hashtags:

Dabei werden gerade in letzter Zeit auch kritische Stimmen lauter und lauter, brauchen aber noch etwas, um wahrgenommen zu werden:

Das Lösen von einem Mythos ist schwierig, die eigene Diktion umzustellen ebenfalls. Aber es ist ein Weg, den es sich zu gehen lohnt.

Und nun?

Wie kommt man gegen den Mythos an? Indem man kontinuierlich aufklärt.

Soll man die Theorie der Lerntstile und Lerntypen verwerfen? Nein, denn man kann damit diagnostisch arbeiten – nicht jedoch prognostisch. Außerdem ist ein vielfältiger und abwechslungsreicher Unterricht genau das, was uns beim Lernen hilft.

Oder handelt es sich bei dieser intuitiven Aussage auch um einen Mythos?

Quelle

[1] De Bruyckere, Pedro; Kirschner, Paul A. & Hulshof, Casper D. (2015). „Myths about Learning. Myth 1: People Have Different Styles of Learning“, in: dies. (Hg.), Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam et al.: Elsevier: 20-27.

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