Wissenschaftskommunikation vor dem Hintergrund von Wissenschaftsskepsis

Ich habe bei den Edu|Days in Krems (im April) mit Martin Moder eine Unterhaltung zum Thema Wissenschaftskommunikation geführt und ihm versprochen, meine Gedanken systematisch im Blog zu posten. Diesem Versprechen will ich nun endlich nachkommen.

Ein Disclaimer vorweg: Ich schreibe hier meine Sicht der Dinge, aus meiner Perspektive und aus meiner Erfahrung. Ich bin gelernte Journalistin, Mediendidaktikerin und Wissenschaftlerin. Die Aussagen sind pauschal und manchmal überspitzt, sie scheren alle über einen Kamm. Natürlich gibt es Ausnahmen. Der Beitrag ist somit alles andere als wissenschaftlich. Er ist (m)eine Meinung. Es kann sein, dass der Text lang wird. Es kann sein, dass er für mich ein Ventil ist, um einmal so richtig zu sudern. Man möge es mir verzeihen…

Bei den EDU|Days 2022 im April in Krems hielt Martin Moder eine Keynote mit dem Titel The Dark Side of Wissensvermittlung. Es ging in dieser Keynote darum, dass Österreich ein Land mit hoher Wissenschaftsskepsis ist. Als Basis seiner Argumentation nutzte er nicht das Bauchgefühl oder seine Wahrnehmung auf Social-Media-Kanälen wie Twitter, YouTube oder Instagram, sondern die Ergebnisse des Eurobarometer 2021. Diese Meinungsumfrage wird in regelmäßigen Abständen in den Ländern der EU durchgeführt. Neben fixen Fragestellungen gibt es auch variierende Fragen zu unterschiedlichen Themen. 2021 ging es u.a. um Wissenschaft und die Wahrnehmung bzw. Einschätzung von Wissenschaft(ler*innen) in der Gesellschaft. Wenn man sich die Ergebnisse ansieht, dann ist man in Österreich weit weg von einer Affinität für Wissenschaft.

Die Ergebnisse des Eurobarometers können hier heruntergeladen werden – die Seitenangaben beziehen sich auf die deutsche Ausgabe.

  • Seite 36: „Kenntnisse über Wissenschaft zu besitzen, ist für mein tägliches Leben nicht von Bedeutung“: Österreich liegt auf Platz 3.
  • Seite 92: „Sind Sie der Meinung, dass der Einfluss von Wissenschaft und Technologie auf die Gesellschafft insgesamt „sehr positiv“, „ziemlich positiv“, „ziemlich negativ“, „sehr negativ“, „weiß nicht“ ist?“: Österreich liegt auf dem drittvorletzten Platz (also am negativeren Ende).
  • Seite 182: Wie gut beschreibt die Eigenschaft „verlässlich“ eine*n Wissenschaftler*in?: Österreich ist auf dem drittvorletzten Platz ((in Richtung „beschreibt schlecht“).
  • Seite 184: Wie gut beschreibt die Eigenschaft „ehrlich“ eine*n Wissenschaftler*in?: Österreich ist auf dem vorletzten Platz ((in Richtung „beschreibt schlecht“).
  • Seite 232: Schauen Sie Dokumentarfilme über Wissenschaft und Technologie oder lesen Sie wissenschaftliche und technologische Publikationen, Zeitschriften oder Bücher?: Österreich liegt zwar nur auf dem siebtvorletzten Platz, 47% aber haben mit „höchst selten oder „nie“ geantwortet.
  • Seite 239: „Besuchen Sie Veranstaltungen oder Diskussionsrunden über Wissenschaft und Technologie“?: Österreich liegt auf Platz 3 (mit 65% „Nie“ als Antwort).

Natürlich gibt es einige Bereiche, in denen Österreich im Mittelfeld liegt – ich habe mir hier die (für mich) entscheidenden sechs Tabellen herausgeholt. [Wer sich unterschiedliche Meinungen durchlesen möchte, kann dies auf der Seite des ÖAW tun (Wenn Wissenschaft in Zweifel gezogen wird) oder auf der Seite von Österreich forscht (Eurobarometer 2021 – ein Blick auf Wissenschaftsbeteiligung).]

Quelle: Pixabay

Moder wollte einige Möglichkeiten aufzeigen, wie man dieser Skepsis entgegenwirken kann, eine davon war Wissenschaftskommunikation. Im Anschluss gab es zahlreiche Fragen, eine von Martin Moder an das Publikum gestellte, war die Frage, wieso Wissenschaftskommunikation in Österreich (noch) nicht (richtig) funktioniert. Ich melde mich bei derartigen Diskussionen selten zu Wort, hier aber tat ich es. Im Anschluss konnte ich mich mit dem Science Buster noch kurz unterhalten und versprach, meine Gedanken und Überlegungen systematisch niederzuschreiben. Das war im April, jetzt ist September. Ich hatte irgendwie drauf vergessen. Heute aber saß ich bei der Aufzeichnung einer Folge der Science Busters im Publikum und mir fiel das Versprechen wieder ein.

Das Selbstverständnis der Wissenschaft

Wissenschaft ist ein gesellschaftliches System, das historisch gesehen ein klares Selbstverständnis hat. Diese lässt sich an den Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität festmachen. Wer forscht, lässt seine Meinung und sein Bauchgefühl außen vor und fokussiert sich auf das zu beforschende Feld. Daten werden gesammelt, beschrieben und interpretiert. Dabei werden unterschiedliche Meinungen, die zum Thema vorhanden sind, in einen kritisch-reflektierten Kontext gestellt und auf ihre Gültigkeit hin überprüft. Diese Gültigkeit kann durch neue Erkenntnisse oder durch z.B. gesellschaftliche Entwicklungen eingeschränkt werden. In der Wissenschaft Tätige sind neutral. Das „Ich“ spielt keine Rolle. Datenbasierte Studien sollen replizierbar sein, das heißt, ersetzt man die forschende Person sollten unter gleichen Bedingungen die gleichen Ergebnisse erreicht werden.

  • Wissenschaft ist – und das ist eine Voraussetzung für Objektivität und Neutralität – unabhängig (von Fremdeinwirkungen).
  • Wissenschaft ist innovativ – sie sucht neue Wege.
  • Wissenschaft ist spezifisch – die Forschungen beschäftigen sich auch mit kleinsten Detailfragen.
  • Wissenschaft wird um der wissenschaftlichen Erkenntnis willen betrieben und nicht um der (Verwertbarkeit der) Ergebnisse willen.
  • Wissenschaft kostet Zeit und Ressourcen.

Wissenschaft hat sich verändert

Sie hat sich verändert, weil sich auch die Gesellschaft verändert hat. Alles muss immer schneller gehen, wir sind ungeduldig und wollen schnelle Ergebnisse haben (beim Lernen, beim Muskelaufbau, beim Kochen). Wir haben keine Zeit mehr für Tiefe. Sprache wird ökonomisch eingesetzt, Smalltalk ist ein normales Phänomen, Pausen werden durch das Smartphone gefüllt. Die Wissenschaft ist schon lange nicht mehr so unabhängig wie sie meint. Dass Firmen Forschung beauftragen oder Unternehmen auch eigene Forschungsabteilungen haben, ist längst bekannt. Dass Forschung aber Geld kostet und die Ergebnisse ökonomisiert werden, ist nicht so bekannt. Grundlagenforschung ist wichtig und manchmal sehr zeitintensiv, aber nicht so unterstützt, wie sie sein sollte. [Jörg Strübing hat hierzu einen ein wenig polemischen aber umso lesenswerteren Beitrag verfasst: Zur Forderung nach Replizierbarkeit in der Forschung] Disziplinen, deren Ergebnisse keinen direkt messbaren Wert für die Gesellschaft haben, werden infrage gestellt – sie kämpfen als Orchideenfächer ums Überleben. Mein Beispiel: Ich habe für meine Dissertation aus dem Bereich der allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft („Die Figur des Räubers in der europäischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts) einen gut dotierten Preis bekommen. Ich musste mir anhören, dass das zwar schön für mich sei, das Geld aber besser in Medizinforschung investiert wäre. Ich rette mit meiner Dissertation keine Leben. Ich versuche aber, die Gesellschaft, wie sie heute ist, in ihrer Genese zu analysieren und ein Stück weit zu erklären.

Heute heißt es…

  • Wissenschaft ist kompetitiv.
  • Wissenschaft ist ökonomisierbar.
  • Wissenschaft ist fremdfinanziert.
  • Wissenschaft ist ein Erklärinstrument und als solche funktionalisierbar.

Die prekäre Situation von Wissenschaftler*innen ist nicht erst durch #IchbinHanna einer breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden. Der Druck ist groß, gesicherte Stellen sind selten, der Wettkampf steht vor der Zusammenarbeit. Das Zugänglichmachen wissenschaftlicher Ergebnisse für eine breite Masse ist über Open Access möglich, wird aber (noch) viel zu selten genutzt. [Und würde von der breiten Masse ohnehin nicht gelesen, wie die Ergebnisse des Eurobarometer – Seite 232 – zeigen.] Außerdem sind die Kosten oftmals noch sehr hoch.

Wenn Wissenschaft ökonomisierbar ist und fremdfinanziert wird oder werden muss, gibt es im Hintergrund Auftraggeber*innen mit spezifischen Interessen. Wissenschaft um der Wirtschaft oder der Politik willen. Wissenschaftler*innen verlieren dadurch ihre Glaubwürdigkeit, weil sie diese Auftraggeber*innen nicht offenlegen. Ihnen werden Interessenskonflikte und Befangenheit vorgeworfen. Manchmal auch zurecht, wenn Wissenschaftler*innen mehrere Funktionen ausüben, die sich widersprechen oder nicht trennbar sind (Wissenschaft vs. Politik vs. Wirtschaft).

Tu Gutes und sprich darüber…

… ist ein in der Wissenschaft nicht unbedingt verbreitetes Credo. Wir publizieren und wir besuchen Tagungen und Konferenzen. Dort tauschen wir uns mit der Wissenschaftscommunity aus. Aber darüber hinaus? Science to Public und Science to Professionals wird nach wie vor schief angesehen und hat – so mein Empfinden – weniger Wert als Science to Science. So bringen wir die Wissenschaft aber nicht näher. Wissenschaftler*innen wird gerne nachgesagt, sie lebten in einem Elfenbeinturm, hätten den Bezug zur Realität (und Praxis) verloren und bedienten sich einer eigenen Sprache. Ich stimme dem zu. Wissenschaft um der Wissenschaft willen, kann zu diesen Phänomenen führen. Damit die wissenschaftlichen Erkenntnisse kommuniziert werden, bedarf es Mittler*innen. Hier kommt die Wissenschaftskommunikation ins Spiel.

  • Interne Wissenschaftskommunikation: Innerhalb der eigenen Wissenschaftscommunity oder auch interdisziplinär über die eigenen disziplinären Grenzen hinaus (aber immer Science to Science).
  • Externe Wissenschaftskommunikation: An ein näher oder nicht näher bestimmtes Publikum außerhalb der Science-Community gerichtet (z.B. Kinder, Jugendliche, Berufstätige, Pflanzenliebhaber*innen, Comic-Leser*innen, nachhaltig Lebende, Autofreaks…) – gemeint ist Science to Public oder Science to Professionals.
  • Eine besondere Form der Wissenschaftskommunikation stellt die Lehre dar, da hier die Grenzen verschwimmen und alle drei Bereiche abgedeckt werden können. Zudem herrscht ein hierarchisches und leistungs- oder kompetenzorientiertes Abhängigkeitsverhältnis im Sinne einer Beurteilungspflicht vor.

Ich habe vor kurzem hierzu auch – als Nachlese zur Fachdidaktiktagung Ende August in Wien – gebloggt und dabei schon geschrieben, dass Wissenschaftskommunikation gelernt werden muss:

Über Wissenschaft, ihre Methoden, Zugänge und Inhalte zu sprechen, ist nicht so einfach. Wir lernen das wissenschaftliche Arbeiten im Studium. Wir lernen aber nur bedingt, über unsere Arbeit (zielgruppenorientiert) zu sprechen (u.a. Präsentieren auf Tagungen, das Geben von Interviews) und zu schreiben (u.a. Schreiben in journalistischen Formaten). Und dennoch: Manche sprechen laut über ihre Arbeit (Dunning-Kruger-Effekt), andere sind sehr leise (Impostor-Syndrom). Wird über etwas gar nicht gesprochen, wird es auch nicht wahrgenommen. Manches ist für uns so normal, dass wir nicht dran denken, drüber zu sprechen (weil es nichts Besonderes ist). Über Forschungsergebnisse und Erkenntnisse zu sprechen ist wichtig. Dabei müssen wir alle hören, auch die leisen.

Tu Gutes und sprich verständlich darüber

Ich vermute, dass so wenige sich für die Wissenschaft und ihre Werke (also Artikel oder Bücher) interessieren (Eurobarometer Seite 232 und 239) hat auch damit zu tun, dass Wissenschaftler*innen nicht unbedingt gelernt haben, außerhalb der Community zu kommunizieren. Jede Disziplin hat ihre eigene Fachsprache sowie ihre Konventionen und Regeln. Es handelt sich um Insiderwissen, das für Außenstehende nur schwer zugänglich ist. Zudem beschäftigen sich Wissenschaftler*innen oftmals sehr lange mit einem Thema und setzen ein gewisses Vorwissen als Basis für das Verständnis voraus. Das ergibt sich mit der Zeit. Dabei ist es wichtig, sich die Zielgruppe genau anzusehen und so zu schreiben (und sprechen), dass das Zielpublikum gefordert aber weder unter- noch überfordert ist. Es geht also nicht um Trivialisierung, sondern um Verständlichkeit. Wieso haben Autor*innen wie Manfred Spitzer und Gerhard Roth oder Gerald Hüther so viel Anklang gefunden? Sie sind sicherlich in der Wissenschaft Tätige, ihre breitenwirksamen Publikationen sind aber nur unter dem Deckmantel der Wissenschaft geschrieben. Sie sind gut verständliche Sachbücher, keine Fachbücher, die vor dem Hintergrund geschrieben werden, verkauft zu werden. Ökonomische Interessen sind im Vordergrund. Verstehen Sie mich nicht falsch: Diese Publikationen sind wissenschaftlich nicht falsch, aber manchmal eher einseitig. Sie sind nicht objektiv oder um der Erkenntnis willen geschrieben. Sie sind meinungsbildend. Aber sie sind als „wissenschaftlich“ gestempelt und werden so gelesen. Das schädigt das Vertrauen in die Wissenschaft und befördert die Wissenschaftsskepsis.

Kritik ist gut, Vertrauen ist aber auch wichtig

Wenn die Wissenschaft ihr Selbstverständnis über Bord wirft und sich ökonomischen Parametern unterwirft, verliert sie an Glaubwürdigkeit. Zeit ist Geld. Recherche braucht Zeit, die Rezeption von Wissenschaft ebenfalls. Und sie braucht ein Mitdenken, ein kritisches Hinterfragen. Wenn aber die Grundfesten nicht mehr stimmen, wird der gesamte Überbau wackelig. Ich kann in Frage stellen, dass 2 und 2 gleich 4 ist. Ich kann aber auch drauf vertrauen, dass es stimmt, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Quelle: Pixabay

Wissenschaft ist nicht humorvoll, Wissenschaftskommunikation schon

Eine mittelnde Funktion, die den Menschen Wissenschaft näherbringt, nimmt die Wissenschaftskommunikation ein. Hier gibt es Wissenschaftsjournalist*innen, die Forschungsergebnisse so aufbereiten, dass sie konsumierbar sind. Wissenschaft ist objektiv und neutral, Wissenschaftskommunikation darf auch humorvoll sein. Wissenschaftsjournalist*innen forschen nicht selbst, sie übersetzen die Inhalte, machen Lust auf Wissenschaft, nehmen der Wissenschaft die Trockenheit. Schauen wir uns die Science Busters an: Es gibt Wissenschaftler*innen, die wissenschaftliche Erkenntnisse so aufbereiten, dass sie auch für eine breite Masse verständlich sind. Den Humoraspekt bringt aber Martin Puntigam, nicht nur wegen seiner ausgefallenen Kleiderwahl, sondern weil er die Fragen stellt, die die Menschen sich auch stellen (vielleicht). Und weil er die Wissenschaftler*innen aus der Reserve lockt.

Die Grenze zwischen Seriosität und Humor ist fließend und zwischen gutem Humor und übertriebenem Humor auch. Mir persönlich sind die Science Busters manchmal zu derb und zu gewollt alltagsnah. Aber das ist mein Empfinden. Aber sie vermitteln Wissenschaft auf eine verdauliche Weise und regen mitunter auch zum Nachdenken an. Die Trennung zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation verschwimmt aber auch hier, da die Wissenschaftler*innen durchaus auch ökonomisch denken und sich auf Social Media oder als Autor*innen vermarkten. Sie folgen der Logik des Marktes, aber sie halten sich dabei – der Wissenschaftsethik folgend – an wissenschaftlich bewiesene und beweisbare Fakten und vertreten keine Meinungen.

Der Mensch ist bequem und ungeduldig

Wir sind Meister*innen Dinge parallel zu tun, obwohl wir nicht multitaskingfähig sind. Nach völliger Effizienz strebend, lassen wir uns ein Buch vorlesen, während wir am Heimtrainer sitzen. Mens sana in corpore sano. Können wir hier auch noch mitdenken? Statt einen Artikel vollständig zu lesen, verlassen wir uns auf Überschrift und Anreißer sowie Anreißerfoto und fallen dabei auf Clickbait-Verfahren hinein. Wir scrollen über unsere Timelines und schnappen Informationen auf, ohne zu überprüfen, wer diese Informationen für wen aus welchem Grund und vor allem wozu teilt. Ist es bezahlte Werbung? Ist es eine Meinung? Ist es wissenschaftlich bewiesen? Martin Moder gibt als Beispiel, dass er für seine Videos in den Titeln mittlerweile darauf verzichtet, Fragen zu stellen. Er wählt Aussagen, da auch die Videos nicht immer angesehen werden und somit die Antwort auf die Frage nicht konsumiert wird. Auch eine Methode des Clickbaits. In Blogs gibt’s manchmal ein „tl;dr“ (too long, didn’t read), das die Kernaussage zusammenfasst. Pierre Bayard hat zwei Bücher geschrieben: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist. [Das erste hab ich gelesen, das zweite nicht – möchte ich aber noch.]

Quelle: Pixabay

Zudem lieben wir Lösungen. Wenn wir ein Problem haben, suchen wir nach der Lösung. Wenn wir uns nicht sicher sind, googeln wir, ohne selbst auf eine Lösung zu kommen. Handlungsanleitungen und fertige Rezepte liegen hoch im Kurs. Das Entdeckende und Forschende haben wir aufgegeben. Gerade hier sollte aber bei Kindern angesetzt werden. Sie gehen ihre eigenen Wege, sie machen Erfahrungen, sie erleben. Sie bekommen die Lösungen nicht einfach vorgesetzt. Entdecken und Erforschen brauchen aber Zeit. Das sieht man auch im Unterricht ganz gut. Die Lehrperson stellt eine Frage. Kommt nicht sofort eine Antwort, wird die Frage auch gleich selbst beantwortet. Man hat schließlich noch viel Stoff, den man machen muss. Dabei braucht das Hirn Zeit, um die Frage zu verarbeiten, Vorwissen zu aktivieren und auch eine Antwort zu formulieren. Zeit, die wir Schüler*innen nicht immer geben. Wer sich hier vertiefen möchte: Josef Leisen hat einen Beitrag zum Unterrichtsgespräch geschrieben, der lesenswert ist.

Social Media als Problemfeld

Solange Wissenschaftler*innen Wissenschaftskommunikation betreiben oder Wissenschaftsjournalist*innen dies tun, die investigativ arbeiten, recherchieren, verschiedene Seiten beleuchten und dabei Fakten und keine Meinungen präsentieren, kann man den Beiträgen auch vertrauen. In Social Media kann dies aber jede*r. Mein Blog ist ja auch nichts anderes. Wenn ich darüber schreibe, dass wir an Vorwissen anknüpfen müssen, damit wir besser lernen, dann berufe ich mich auf die Cognitive Load Theory, ohne sie vielleicht explizit zu nenne. Ich versuche den Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse auf Probleme der Alltagswelt oder auch der Unterrichtswelt. Ob es mir gelingt, entscheiden die Leser*innen. Ich schreibe meinen Blog aber gar nicht primär für Leser*innen, sondern für mich, um meine Gedanken zu ordnen und sortieren. Dass die Beiträge gelesen werden, freut mich. Ich schreibe aber nicht, um gelesen zu werden. Ich habe das aber auch offengelegt:

Ich sehe mich als Wissenschaflterin (Science to Science) und als Wissenschaftskommunikatorin (Science to Public und Science to Professionals – über den Blog, Zeitungsbeiträge und Social-Media-Posts – und als Lehrperson). Ich trenne diese beiden Bereiche aber bestmöglich. So wie ich im Blog schreibe („Ich“) würde ich nie wissenschaftlich publizieren. Der Blog ist weder objektiv, noch neutral. Er zeigt meine Sicht auf die Dinge, die mich bewege, interessieren, beschäftigen, stören, nerven, zur Explosion bringen.

In Social Media kann also jede*r schreiben, Meinungen verbreiten und meinungsbildend wirken (Influencer*in sein). Manche machen es bewusst, andere nicht. Manche verbreiten bewusst Fehlinformation, andere sitzen Fehlinformationen oder Mythen auf und teilen diese unreflektiert weiter. Die (Nicht-)Absicht erkennen wir beim Lesen aber nicht. Denn das WARUM und das WOZU werden nicht (oder nur selten) offen kommuniziert.

Was wir brauchen

Ich könnt jetzt noch ewig weiterraunzen. Ich möchte aber mit ein paar Gedanken schließen, die zeigen, was wir brauchen:

  • Wir brauchen Formate und Sendungen, die wissenschaftlich fundiert sind und zum Entdecken, Forschen und Denken animieren. In meiner Kindheit und Jugend gab es Am Dam, Des, die Curiosity Show, die Knoff Hoff Show und auch MacGyver. Derartige Formate fehlen heute irgendwie – die Sendung mit der Maus ist hier eine kleine Ausnahme. Sendungen wie Fakt oder Fake im ORF wirken für mich aufgesetzt, sensationsorientiert und ein wenig wie Boulevard.
  • Wir brauchen Medienbildung, die den Umgang mit Medien und Medieninhalten trainieren. Ich finde Dieter Baackes Kompetenzmodell hier sehr brauchbar, wenngleich es natürlich auch andere gibt. Medienkompetenz ist nicht selbstverständlich. Sie muss entwickelt werden. Die Digitale Grundbildung als Unterrichtsfach in Österreich ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
  • Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen und Wissenschaft unabhängig von externen Interessen objektiv und nach wissenschaftsethischen Gesichtspunkten verfolgen. Dafür brauchen wir aber auch eine Gesellschaft, die diese Wissenschaft, die nicht in finanziellen Parametern zu messen ist, unterstützt und mitträgt.
  • Wir brauchen Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit in unserem Handeln. Erkenntnisse und Ergebnisse sollen nicht geschönt werden, damit man besser dasteht. Damit untergraben wir das Vertrauen. Richtigstellungen zu schreiben ist eine Möglichkeit. Sie werden aber nur selten bis kaum in der gleichen Intensität wahrgenommen wie der ursprüngliche Text. Unsere Quellen und unsere Absichten wie auch unsere Motive, etwas zu tun, legen wir offen, damit alle anderen unsere Arbeit, unser Tun und unsere Gedanken in einen Kontext setzen und somit einordnen und bewerten können.
  • Wir brauchen Zeit. Zeit für Forschung und die Aufbereitung von Forschungsergebnissen. Zeit für Visionen und Innovationen. Das betrifft Wissenschaftler*innen und Wissenschaftsjournalist*innen gleichermaßen. Wir brauchen Zeit, um Forschungsergebnisse zu konsumieren und mit anderen diskutieren. Unsere Brille, unser Vorwissen, unsere Vorerfahrungen können wir nicht ausblenden. Der Austausch mit anderen (außerhalb unserer Bubble/Community) kann uns dabei helfen, neue Perspektiven zu erkennen und einzunehmen. Wir brauchen Zeit, um Fragen stellen zu können, zu überlegen und Antworten zu suchen.

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