Mythenkalender #18: Kinder und Jugendliche lesen nicht mehr.

Wenn ein Mythos gleich im ersten Satz zerstört wird, ist das doch fad. Oder wie Louis de Funès sagen würde: „Nein!“ – „Doch!“ – „Ohhhh!“

Quelle: YouTube

Dieser Mythos lässt sich vermeintlich schnell zerstören, was De Bruyckere et al. (2015: 149) auch bereits im ersten Satz des Beitrags tun: „Of course young people read.“ Gleichzeitig stimmt der Mythos aber auch. Jugendliche lesen immer weniger – bis gar nicht mehr. Die Frage ist, was Jugendliche lesen.

Die Art der Lektüre

Wenn wir das Lesen auf das Konsumieren von Literatur beschränken, sieht es in der Tat so aus, dass Jugendliche heutzutage weniger lesen. De Bruyckere et al. (2015)  zitieren hierfür beispielsweise eine Untersuchung der britischen Zeitung The Telegraph, die besagt, dass Kinder weniger lesen und vor allem nicht mehr freiwillig und aus Vergnügen lesen.

Gleichzeitig halten die Autoren fest, dass es sich bei The Telegraph eher nicht um eine wissenschaftliche Quelle handelt. Vielmehr gibt es zahlreiche Webseiten und Social-Media-Kanäle, die von Jugendlichen konsumiert, das heißt also auch gelesen werden. Aus diesem Grund plädiert beispielsweise Wolfgang Hallet (2015) auch für einen weiten Literaturbegriff. Auch das Lesen von Graphic Novels oder Comics ist als Lesen zu werten.

Quelle: Pixabay

De Bruyckere et al. (2015) kritisieren in ihrem Beitrag vor allem, dass hauptsächlich ältere und nicht immer wissenschaftliche Quellen herangezogen werden, um sich dem Thema zu nähern. Auch gebe es genügend Beispiele, die betonen, dass Jugendliche sehr wohl noch lesen, beispielsweise ein Artikel Young people and reading for pleasure aus dem Jahr 2011. Dieser bestätigt, dass Jugendliche lesen und zwar auch aus Vergnügen und dass der sozioökonomische Hintergrund eine Wirkung auf das Leseverhalten hat. Zwischen 2000 und 2009 habe sich zudem die Kluft zwischen sozioökonomisch schwach und stark gestellten Familien vergrößert. Andere Studien bestätigen ebenfalls, dass Büchereien und Bücher wichtig sind.

[Eigenwerbung: Elke Höfler hat unter Lesemuss – Lesefrust – Leselust? Dazu bereits gebloggt.]

Print, Bildschirm oder Audio?

Wo liest es sich am besten? Auch hierzu haben De Bruyckere et al. (2015) Studien gesucht und wurden 1992 fündig. Diese Studie über elektronische Textbücher besagt, dass das Lesen zeitintensiver ist, das Verständnis aber durch das Medium nicht beeinflusst wird. De Bruyckere et al. (2015) beklagen hier vor allem, dass zu diesem Thema Studien fehlen, vor allem Replikationen der vorhandenen Studien. In einem Literaturüberblick aus dem Jahr 2013 wird ebenfalls betont, dass, wenn es um längere Texte geht, die gedruckte Version von Vorteil sei. Eine Studie aus dem Jahr 2013 an der University of Waterloo  in Ontario hat gezeigt, dass vor allem Audiobooks in der Merkleistung schlechte Resultate erzielen. Hier wurden Buchausschnitte still oder laut vom Bildschirm gelesen, ein dritter Teil hörte den Text nur, ohne hin zu sehen. Das Resultat – wenig überraschend:

“Listening to the passage led to the most mind-wandering. The option of listening to the passage was also associated with the poorest memory performance and the least interest in the material.”

De Bruyckere et al. (2015: 151)

Wieso wenig überraschend? Die Multimodalität bzw. Multicodalität mag ihren Beitrag zum Ergebnis leisten. Interessante Einblicke ins Thema liefert im Übrigen auch die Stavanger Declaration Concerning the Future of Reading.

Und nun?

Nun, die Autoren betonen, dass Jugendliche zwar noch immer lesen, dass die Zahlen aber abnehmen. Um dem entgegenzuwirken, betonen sie die Wichtigkeit des Elternhauses. Es sei weniger der Bildungsgrad der Eltern, der eine Rolle in der Lesesozialisation spielt als die Tatsache, dass Kinder durch die Eltern an Bücher herangeführt werden. Dies kann durch das Vorlesen von Büchern ebenso geschehen wie das Vorhandensein einer Bibliothek oder eines Bücherregals im eigenen Haus. Wobei die Autoren auch betonen, dass das bloße Vorhandensein von Büchern noch keinen Erfolg verspricht. Es geht auch um das Hinführen an die Welt der Bücher.

Langtexte vs. Microlearning?

Sind wir überhaupt noch in der Lage, längere Texte zu lesen oder sind wir im Scanning und Skimming (vgl. #14) verhaftet? In einer Antwort auf einen Artikel in der Washington Post, der behauptet, das Lesen längerer Artikel sei durch das online Scanning und Skimming gefährdet, drückt der Autor seine Meinung aus: He thinks that we are not less capable fof reading complex prose, but maybe less willing to put in the work“ (De Bruyckere et al. 2015: 152), da wir Texte auch als Videos oder Audiofiles konsumieren können.

Fazit

Das Lesen ist noch nicht ausgestorben, aber es nimmt ab. Aktuelle Studien wie die KIM-Studie (2018: 22ff), die JIM-Studie (2018: 18ff) oder die Oberösterreichische Jugend-Medien-Studie (2019) bzw. die Oberösterreichische Kinder-Medien-Studie (2018) zeigen, dass Kinder und Jugendliche noch lesen. Die Abenteuer um die Knickerbocker Bande oder Tom Turbo oder auch die Harry Potter- und Eragon-Serie und Gregs Tagebücher haben das Ihre dazugetan, dass Lesen durchaus wieder attraktiver geworden ist.

Dennoch: Eine Leseschwäche wurde erst heuer wieder in der aktuellen PISA-Erhebung (Beispiel: Österreich) festgestellt. Worin ihre Gründe zu sehen sind? Sie sind vielfältig, zwei wollen wir herausstreichen: Die Lust am Lesen wird durch erzwungene Lektüre (v.a. in der Schule) teilweise genommen, die Freude am Lesen wird den Kindern von Zuhause nicht mehr mitgegeben. Haben wir es hier mit Korrelationen oder Kausalitäten zu tun?

Weiterführende Lektüre

  • Beilein, Matthias; Stockinger, Claudia & Winko, Simone (2012). „Kanonbildung und Literaturvermittlung in der Wissensgesellschaft“, in: dies. (Hrsg.): Kanon, Wertung und Vermittlung. Literatur in der Wissensgesellschaft. Berlin, Boston: De Gruyter, 1-15.
  • Bredella, Lothar (2007). „Die welterzeugende und die welterschließende Kraft literarischer Texte: gegen einen verengten Begriff von literarischer Kompetenz und Bildung“, in: ders. & Hallet, Wolfgang (Hrsg.): Literaturunterricht, Kompetenzen und Bildung. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 65-85.
  • Gaul, Bernhard (2017). SOS: ‚Hatten noch nie so viele Kinder, die nicht lesen können‘. Der Kurier, 10.12.2017.
  • Henseler, Roswitha & Surkamp, Carola (2010). „Lesen und Leseverstehen“, in: Hallet, Wolfgang & Königs, Frank G. (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachendidaktik. Seelze-Velber: Friedrich Verlag, 87-92.
  • König, Dominik von (1977). „Lesesucht und Lesewut“, in: Göpfert, Herbert G. (Hrsg.): Buch und Leser. Vorträge des ersten Jahrestreffens des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Geschichte des Buchwesens 13. und 14. Mai 1976. Hamburg: Hauswedell, 89-124.
  • Neuhauser, Julia (2019). Pisa-Test: Die Leseschwäche ist noch nicht behoben. Die Presse,03.12.2019.
  • Rövekamp, Marie (2016). Sie chatten mehr und lesen weniger. Der Tagesspiegel, 16.11.2016.
  • Seidl, Conrad (2016). Vier von zehn Volksschülern können nicht sinnerfassend lesen. Der Standard, 01.04.2016.
  • Surkamp, Carola (2010). „Literaturdidaktik“, in: Hallet, Wolfgang & Königs, Frank G. (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachendidaktik. Seelze-Velber: Friedrich Verlag, 137-142.
  • Unterberg, Swantje (2019). „Die Lust am Lesen wird Schülern ausgetrieben“. Spiegel Online, 09.12.2019.

Quelle

  • De Bruyckere, Pedro; Kirschner, Paul A. & Hulshof, Casper D. (2015). „Myths about Technology in Education: Myth 5: Young People Don’t Read Anymore“, in: dies. (Hg.), Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam et al.: Elsevier: 149-153.
  • Hallet, Wolfgang (2015). „Literatur, Bildung und Kompetenzen. Eine bildungstheoretische Begründung für ein literaturbezogenes Kompetenzcurriculum“, in: ders.; Surkamp, Carola & Krämer, Ulrich (Hrsg.) (2015): Literaturkompetenzen Englisch. Modellierung – Curriculum – Unterrichtsbeispiele. Seelze: Friedrich Verlag, 9-20.

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