eLearning ist kein Kind der 90er

Lasst uns über eLearning reden. Wie alt ist eLearning? Was ist das überhaupt? Kann das weg? Achtung: Beitrag ist mit Nostalgie gesät.

Ich frage in meinen Lehrveranstaltungen zur Mediendidaktik gerne, wie alt denn eLearning sei und was man unter dem Begriff verstehen könne. Die Antworten sind immer wieder spannend und überraschen mich. Es sei ein Kind der 90er oder auch der frühen 2000er und noch nicht etabliert. Es etabliere sich aber gerade (auch notgedrungen durch Corona) und es habe etwas mit dem  Internet zu tun.

Wenn man Begriffe verwendet, sollte man sich immer auch darüber im Klaren sein, was die Begriffe bedeuten. Oft werden sie als Worthülsen verwendet, die von jedem und jeder individuell gefüllt werden. Rein subjektiv, auf Basis der eigenen Vorerfahrungen, Wissensstände und Filterblasen. Das kann durchaus problematisch sein, weil man in Gesprächen eventuell nicht vom Gleichen spricht.

Arbeitet man wissenschaftlich mit Begriffen, so müssen diese am Anfang operationalisiert werden.  Man erklärt die verschiedenen Bedeutungen und Deutungsmöglichkeiten, man setzt sie in Kontexte und legt dar, wie man selbst einen Begriff in der wissenschaftlichen Arbeit versteht bzw. verwendet. Oftmals schreibt man sich damit in Traditionen und Diskurse ein. Das sollte aber bewusst sein, da an Begrifflichkeiten auch Konnotationen und vielleicht auch Erwartungen hängen.

Was ist nun aber eLearning?

Glauben Sie mir, ich kann’s natürlich auch keine eindeutige und allgemeingültige Definition liefern. Aber es hat was mit Lernen (-learning) und mit e- (electronic) zu tun. Ich empfehle hier die Lektüre von Beats Biblionetz zum Begriff eLearning. Ich für mich verwende den Begriff für das Lernen mit elektronischen Medien (bzw. Technologien). Diese müssen nicht zwangsläufig auch digital sein. Es geht nur um das elektronische Moment. Für mich ist eLearning also ein Oberbegriff für viele andere Begriffe, die dann Ausformungen definieren, die jeweils wieder einen Teilaspekt in den Vordergrund rücken. Als Beispiele seien genannt mobile learning, ubiquitous learning. Der eine Begriff setzt das Mobile in den Fokus, der andere die Ortsunabhängigkeit. Auch Telelernen oder Distance Learning beschreiben nur Aspekte – nämlich die Distanz. Das alles sagt uns noch überhaupt nichts über die konkrete Ausformung oder die didaktischen Konzepte die dahinter stehen. Diese können nämlich sehr unterschiedlich sein.

Quelle: Pixabay

Das hat schon damit zu tun, dass wir alle ein unterschiedliches Verständnis von Lernen haben – Gabi Reinmann hat sich hierzu bereits 2009 Gedanken gemacht. In einem Studientext aus dem Jahr 2010 hat sie diese Gedanken ausformuliert und auch zwischen Funktionen unterschieden, die Medien beim Lernen einnehmen können: Distribution, Interaktion, Kollaboration. Der Text kann auch heute noch als Basis gelesen werden und besitzt in weiten Teilen noch immer Gültigkeit.

  • Wir können Ressourcen (Videos, Texte, Audios, Simulationen, Animationen usw.) online zur Verfügung stellen (Distribution). Die Lerner*innen erarbeiten sich die Inhalte selbstständig. Lernplattformen eignen sich hierfür genauso wie Webseiten – man spricht auch von Datenfriedhöfen. Ist das nun aber schon Lernen?
  • Wir können interaktive Elemente hinzufügen, beispielsweise interaktive Übungen zur Selbstkontrolle (Tests, Quizze, Abstimmungen usw.). Sie sind vielfach autokorrektiv und dienen der Leistungsstandmessung. Ist das dann Lernen?
  • Wir können auch Kollaboration ermöglichen, in einem Wiki oder in einen Forum, wo gemeinsam Wissen generiert wird. Ist das dann Lernen?

Die Frage ist sicherlich, mit welchem lerntheoretischen Verständnis ich die Frage nach dem Lernen beantworte und welche Lernziele ich habe. Was soll gelernt werden? Bulimielernen? Kompetenzerwerb? Soziales Lernen? Das sind einige subjektiv gewählte Beispiele, die individuell und nach den eigenen Interessen um weitere Beispiele ergänzt werden können.

Und was ist eigentlich mit dem Lehren?

Der Begriff eLearning fokussiert das Lernen, oftmals ist aber auch das Lehren mitgemeint. Der Begriff eTeaching hat sich bei weitem nicht so durchgesetzt, wenngleich die Seite e-teaching.org sehr viele Ressourcen, Materialien und Gedanken zur Lehre zur Verfügung stellt – vor allem auch Beispiele aus der Praxis.

Wie lange gibt’s nun also eLearning?

Nun, das hängt jetzt eben vom Begriffsverständnis ab. Wenn ich aber von Lernen mit elektronischen Medien ausgehe, dann feiert eLearning einen hohen Geburtstag. 70+ würde ich meinen, wenn man die School of the Air in Australien ansieht. Und man findet wahrscheinlich auch noch ältere Beispiele.

Achtung: Nostalgie

Ich jedenfalls habe bereits in meiner Kindheit eLearning erlebt und gelebt. In einer Diskussion auf Twitter wurde ich daran erinnert. Damals in den 80ern hatte der ORF zahlreiche Fernsehsendungen, die den Bildungsauftrag erfüllten. Ich begann in der Volksschule mit dem Französischlernen – meine Liebe für diese Sprache ist also eine sehr alte. Damals lief folgende Sendung auf ORF 2:

Lisa Schüller brachte mir schon früh Russisch bei:

Und auch Englischkurse gab es natürlich:

Dazu gab es dann natürlich Shows wie die Curiosity Show:

Oder die Knoff-Hoff-Show, die, wie die Curiosity Show, einen Fokus auf Naturwissenschaften und praktisches Anwendungswissen legte und vor allem durch die Musik am Beginn in Erinnerung geblieben ist:

Ich glaube übrigens heute noch, dass der Mensch innen so aussieht:

Und so ist doch die Welt entstanden, oder?

Ja und dann gab es natürlich auch noch MacGyver und seine Projekte, die einen hohen Wahrheitsgehalt haben:

Ja, im Fernsehen gab es damals viel zu lernen. Schon im Kindergartenalter übrigens:

In der Schule stand Universum am Programm:

Was ich damit sagen will?

eLearning ist kein neues Phänomen. Angebote gibt es zahlreiche. Die Frage ist immer, was man daraus macht – für sich und auch für sein Umfeld. Für uns war es damals ein gesellschaftliches Erlebnis, z.B. die Knoff Hoff und Curiosity Show anzusehen und dann darüber zu sprechen. Wie schön war der Moment, als wir erfuhren, dass die Tricks in MacGyver wirklich möglich sind, nur die eine oder andere Zutat fehlt.

Das Lernen mit Videos ist nicht neu. Interaktion in Lernvideos ist nicht neu (siehe die Sprachkurse, siehe die Interaktion mit dem Publikum in der Curiosity Show und Knoff Hoff). Das Interesse an derartigen Themen und Formaten ist nicht neu.

Was ist nun aber neu am heutigen eLearning?

Die Möglichkeiten der Interaktion und Kollaboration. Die Quantität der Inhalte. Auch die Qualität der Inhalte (v.a. in Hinblick auf Aktualität). Was vielleicht fehlt ist eine Qualitätskontrolle, da jede*r Videos hochladen kann. Wichtig war und ist die didaktische Einbettung der Materialien, ihre Aufbereitung auch die Kompetenzen, mit derartigen Inhalten zu lernen. Und hier sind jedenfalls Lehrpersonen und Eltern gefragt – Inhalte stehen nie alleine, sie sollten diskutiert, nachgeahmt, wiederholt und besprochen werden (so möglich). Dann kann auch Lernen funktionieren.

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