Mythenkalender #21: NLP ist eine Wissenschaft.

Dieser Mythos wird zerstört, ist aber auch zum Zerstören formuliert. Warnung: Dieser Beitrag kann viel Emotion enthalten.

Quelle: Pixabay

Das Neurolinguistische Programmieren (NLP) als Wissenschaft zu bezeichnen, ist schon mal grundlegend falsch. Dieser Mythos kann nur zerstört werden, denn NLP ist eine Mischung unterschiedlicher Konzepte und Methoden, begründet in den 1970ern von Richard Bandler (Psychologe und Philosoph) und John Grinder (Linguist). Die zentralen Überlegungen leiten sich aus Beobachtungen während Therapiesitzung ab, die Gedanken von Noam Chomsky (Linguist und Philosoph) sind grundlegend. Diese Einführung geben De Bruyckere et al. (2020: 90) und fassen zusammen:

„In fact, you could say that Bandler and Grinder synthesized many different ideas from many different areas.”

(ebd.)

Und mehr ist NLP eigentlich auch nicht. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Theorie, sondern eher um eine Sammlung von Methoden, die von der Anwendung lebt und auf Wahrnehmung und Beobachtung beruht.

Landkarte und Territorium

Als ein zentraler Angelpunkt der Überlegungen im NLP kann der Satz „The map is not the territory.“ (De Bruyckere et al. 2020: 90) gesehen werden. Die Landkarte ist nicht die Landschaft. Dies wird von den Autoren auch richtig angeführt. Sie beschreiben dies wie folgt:

„This means that each of us acts on the basis of how we see or internally represent the world (that is the ‘map’), which conversely means that we do not act on the basis of the way the world really is (that is the ‘territory’).“

(ebd.)

Hier zeigt sich auch die disziplinäre Basis des NLP. Ziel ist es nämlich „to uncover and read the internal map.“ (De Bruyckere et al. 2020: 91) Wir sind in der systemischen Therapie angelangt. Die Basis dieser Überlegung wird jedoch nicht angeführt: Sie geht auf die Gedanken des Konstruktivismus zurück. Wir haben unsere eigene Welt, die sich aus unseren Vorerfahrungen und auf Basis unserer Wahrnehmung gestaltet. In diesem Blog sind bereits mehrere Beiträge hierzu verfasst worden. Sie erinnern sich vielleicht an das Beispiel, dass nicht jede*r Kätzchen süß findet und man mit Folien mit Bildern von Babykatzen somit nicht alle im Publikum erreicht? Dass Babykätzchen auf Social-Media-Kanälen zwar vielleicht süß, aber nicht unbedingt seriös sind? Die Idee der Map ist folglich eigentlich auch eine, die nicht von den „Erfindern“ des NLP stammt, sondern von ihnen nur als Grundüberlegung herangezogen wurde. In der heutigen Zeit findet man diese Überlegung, wenn auch vielleicht nicht so formuliert, in den Überlegungen der konstruktivistischen Lerntheorie und zu Diversität und Heterogenität wieder.

Die Sinneskanäle

Wie wird die interne Landkarte nun gestaltet? Hier bringen De Bruyckere et al. (2020: 91) das Preferred Representational System (PRS) ins Spiel:

„According to Bandler and Grinder, the map is constructed by the five senses, but everyone has a preferred sense or Preferred Representational System (PRS). Tapping into that preference is therefore necessary for someone else – an outsider – who wants to understand the map and, where possible, to help the map’s creator.“

(ebd.)

Das VAKOG-System wurde in diesem Blog bereits mehrfach genannt. Es beschreibt die Repräsentationskanäle Visuell – Auditiv – Kinästhetisch – Olfaktorisch – Gustatorisch und meint damit die Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen. Der Ansatz ist ein ganzheitlicher, denn wir nehmen die Welt um uns herum nicht ausschließlich mit einem Sinn wahr und blenden alle anderen aus. Ein Beispiel? Kennen Sie Marcel Proust und den Biss in die Madeleine, der den Erzähler in À la recherche du temps perdu in seine Kindheit zurückbringt? Gerade jetzt zu Weihnachten duftet es überall nach Orangen, Zimt und anderen typischen Gewürzen. Man möchte meinen, alle werde warm ums Herz, wenn sie dies riechen. Was aber, wenn jemand eine Zitrusfruchtallergie hat und Orangenschalen nicht riechen kann… Darum geht es in den Überlegungen zur Landkarte und zur Landschaft im Grunde.

De Bruyckere et al. (2020) gehen einen etwas anderen Weg und führen an, dass man im NLP über die Analyse der Augenbewegungen, gewisse Wörter oder auch nonverbales Verhalten auf das jeweilige PRS schließen kann und dem Gegenüber damit helfen kann. Ziel, so die Autoren, sei es „to thoroughly re-program your personality“ (ebd.), was durch das Ändern der Sprache zum Beispiel möglich sei. Dabei sei der Grat zwischen Helfen und Manipulieren sehr gering, wie die Autoren auch andeuten. Und tatsächlich wird im NLP, man denke an den politischen Wahlkampf, oftmals von Manipulation gesprochen. Man könne Menschen mit sprachlichen Elementen in ihrer Welt abholen, sie durch den Einsatz verbaler und non-verbaler Elemente von der eigenen Meinung überzeugen und so ins eigene Lager mitnehmen. Nun, vielleicht ist es einfach nur eine zielgruppenorientierte Sprachverwendung unter Berücksichtigung von Coserius Varietätenmodell und des Schulz von Thuns Vier-Ohren-Modell? Polemik ist immer möglich, Reduktion ebenfalls. Im Leben lässt sich aber viel aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Die Techniken des NLP: wissenschaftlich unhaltbar

De Bruyckere et al. (2020) führen zahlreiche Studien an, die belegen, dass nicht bewiesen werden kann, dass die Techniken des NLP funktionieren. So sei das Beobachten der Augenbewegungen wissenschaftlich nicht eindeutig erklärbar, viele bislang entstandene Studien zur Effektivität von NLP seien nicht rekonstruierbar oder in ihrem Design unwissenschaftlich. Die Autoren schließen mit einer Studie, die „failed to find any empirical basis for the claims of NLP” (De Bruyckere et al. 2020: 92) und schließlich:

„In 2006, the majority of a panel of 101 psychology experts expressed their opinion that NLP belonged to the category of approaches in science that are no longer valid.“

(ebd.)

Dennoch führen sie noch Beispiele für den Unterricht an, da sich Techniken des NLP vor allem im Englischunterricht noch länger gehalten haben. Sie nennen einige Methoden des NLP die funktionieren können, weil sie aber keine Methoden des NLP sind, sondern auch außerhalb funktionieren. Und genau hier schließt sich der argumentative Kreis von De Bruyckere et al. (2020) nicht, schreiben sie doch am Beginn des Mythos:

„In fact, you could say that Bandler and Grinder synthesized many different ideas from many different areas.”

(De Bruyckere et al. 2020: 90)

Was genau sind die nur dem NLP inhärenten Techniken? Gibt es diese überhaupt? Die Autoren führen als Beispiele der funktionierenden Methoden das Mindmap an (siehe hierzu auch Mythos #1, den die Autoren vielleicht nochmals hätten lesen können) oder auch die Jigsaw-Technik, die die unterschiedlichen PRS bzw. Lernstile und Lerntypen bedient und als individualisierende Methode zu sehen ist.

Der Glaube an…

Der letzte Satz der Mythenbeschreibung bei De Bruyckere et al. (2020: 93) relativiert ihre ablehnende Haltung vermeintlich:

„More recently, other authors – some of them pro-NLP – have admitted the same thing, although their argument then becomes that if, as teacher, you think NLP works, it works.”

(ebd.)

Wenn man also an etwas glaubt, dann funktioniert es? Wie ist das, wenn man an jemanden glaubt? Ein „aktuelles“ Buchbeispiel dazu, in dem es um die Kraft des Glaubens an sich selbst und der positiven Botschaft an sich selbst geht:

Und nun?

Man kann über NLP denken, was man will – dieser Methodensatz spaltet anscheinend die Menschheit (denen NLP ein Begriff ist, den anderen ist es wohl egal) in zwei Lager: Anhänger*innen und Ablehnende. Daran ist nichts auszusetzen. Die Methode in Teilen auf ihre wissenschaftliche oder empirische Belegbarkeit hin zu überprüfen, ist auch in Ordnung. Jede*r hat eine eigene Landkarte.

Achtung: Jetzt wird es persönlich.

Sie merken schon, dass dieses Thema nicht ganz unemotional aufgearbeitet wird. Vielleicht aber deshalb, weil dieser Mythos vielleicht kein Mythos ist. NLP ist, und hier schreibt Elke auf Grundlage ihrer Landkarte, eine Sammlung von Techniken, die auf Wahrnehmung und Beobachtung beruhen. Man kann gerade beim „Umprogrammieren“ von Manipulation sprechen, man kann aber auch von Achtsamkeit und Wertschätzung sprechen. Es ist im NLP nicht alles gut und man kann die unterschiedlichen Techniken unterschiedlich einsetzen – alles im Leben hat mehrere Perspektiven.

Ich wechsle nun bewusst in die Ich-Form und möchte einige Beispiele anführen und meine Landkarte darlegen. In meinem Lehramtsstudium durfte ich eine NLP-Ausbildung genießen. Eines der ersten Bücher, das ich gelesen habe, war Michael Grinders NLP für Lehrer. In diesem spricht er von der Wichtigkeit, Wohlbefinden herzustellen, zu visualisieren und auf nonverbale Kommunikation zu achten. Es ist unbestritten, dass diese Themen für das Lernen und Lehren wichtig sind, nicht nur für die Schüler*innen sondern auch für die Lehrperson.

Sketchnoting

In den letzten Jahren ist das visualisierende Mitschreiben über Sketchnotes sehr beliebt geworden (siehe Twitter #Sketchnotes oder #Sketchnote). Handelt es sich dabei nicht eigentlich um eine strukturierte Mindmap, visuell ansprechend gestaltet und multimodal angelegt?

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Bullet Journals sind nur ein zweites Beispiel für das Visualisierungen von – in diesem Fall – Gedanken und Überlegungen.

Der Glaube an sich selbst

Schon in der Suggestopädie ist bekannt, dass positive Botschaften im Gehirn wahrgenommen und aufgenommen werden. Oder anders rum: Sie kennen (aus der Motivationstheorie) die Problematik der Self-Fullfilling-Prophecy? Wenn ich mir einrede, dass ich etwas nicht schaffe, dann schaffe ich es wahrscheinlich auch nicht. Wie ist es, wenn ich mir einrede, dass ich etwas schaffe? Wenn ich mein Ziel vor Augen sehe? Ich verweise hier gerne auf die Walt-Disney-Methode.

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Ich höre in meinen Lehrveranstaltungen oft, dass Lehrer*innen zu ihren Schüler*innen sagen: „Das ist jetzt ein besonders schwieriges Kapitel.“ „Das schafft ihr nie.“ „Da braucht ihr sicher mehrere Anläufe.“ „Ihr seid eh zu dumm für die komplizierten Beispiele, machen wir was Einfaches.“ In meiner Schulzeit waren solche Sätze nicht unüblich, dass sich hier noch nichts geändert hat, ist traurig. Hier geht’s um Wertschätzung, hier geht’s um Motivation und auch um eine Einstellung – nicht um NLP.

Wahrnehmen

Eine beliebte Technik des NLP ist der Aufbau von Rapport durch Pacing und Leading. Man baut Vertrauen auf, indem man das Gegenüber wahrnimmt, Körperhaltung und Stimme, Mimik, Gestik und Sprachverwendung des anderen analysiert, spiegelt und, falls notwendig, verändert. Das kann nun sehr manipulativ gesehen werden, kann aber auch sehr individualisierend gelesen werden. Ich kann Menschen so von meiner Position überzeugen, ich kann aber aufgeregte Menschen beruhigen. Es gibt mehrere Perspektiven.

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Wenn ein*e Lernende*r vor einer Prüfung Angst hat, werde ich meine Stimmlage und die im Gespräch verwendeten Wörter anpassen, ich werde keine dominante Körperhaltung einnehmen und auch auf meine non-verbale Kommunikation (ich bin Weltmeisterin in Augenrollen) achten. Um dies zu können, muss ich mich und mein Gegenüber wahrnehmen und verstehen. Das passiert durch Beobachtung. Gerade auch was die Wortwahl betrifft, so lässt sich im Unterricht viel machen. Deutsch als Bildungssprache ist hier als ein Schlagwort genannt, oder auch eine Zielgruppenorientierung: Ich spreche, no na, mit Fünfjährigen anders als mit Erwachsenen.

Fazit

NLP ist umstritten, NLP ist nicht wissenschaftlich beweisbar (was genau übrigens? Das Vertrauen? Die individuelle oftmals unbewusste Landkarte?). Ist NLP ein Mythos? Ja.

Aber NLP vermittelt Techniken der Beobachtung, des Classroom Managements, der Schärfung der Wahrnehmung und um Wertschätzung der Individualität des Gegenübers. Das sind durchaus Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die im Klassenzimmer aber auch im Umgang mit Menschen allgemein, sehr wichtig sind. Ob man sie nun in die Schublade NLP steckt, oder nicht.

Lehrende können sich dabei auch der Erkenntnisse aus der Psychotherapie, den Erziehungswissenschaften oder der Neurowissenschaften bedienen, denn sie sind Quellen der Methoden, derer sich NLP bedient.

Weiterführende Lektüre

  • Bauer,  Michael (2016). Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. München: Heyne.
  • Bishop, Gary John (2019). Unf*ck yoursel. Raus aus dem Kopf, rein ins Leben! München: LEO.
  • Dirks, Sandra & Wehr, Tanja (2019). Das große Flipchart-Vorlagen-Buch. Frechen: mitp.
  • Grinder, Michael (2007). NLP für Lehrer. Ein praxisorientiertes Arbeitsbuch. Kirchzarten bei Freiburg: VAK.
  • Hecht, Susanne (2002). „Neurolinguistisches Programmieren – eine Chance für einen handlungsorientierten Unterricht und für Mehrsprachigkeit„, in: Materialien Deutsch als Fremdsprache (65), 178-233.
  • Köhler, Anja & Kersten, Christian (2012). Irgendwas ist anders… Ein Lese- und Handbuch für alle, deren Partner NLP lernen. Paderborn: Junfermann Verlag.
  • Reckwitz, Andreas (2019). Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp.
  • Walker, Wolfgang (2018). Abenteuer Kommunikation. Bateson, Perls, Satir, Erickson und die Anfänge des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Stuttgart: Klett-Cotta.

Quelle

  • De Bruyckere, Pedro; Kirschner, Paul A. & Hulshof, Casper D. (2020). “Myths about (Educational) Psychology: Is NLP (Neuro-Linguistic Programming) Science?”, in: dies. (Hg.), More Urban Myths about Learning and Education. Challenging Eduquacks, Extraordinary Claims, and Alternative Facts. New York: Routledge: 90-93.

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