Mythenkalender #4: Wer bitte braucht heute noch Wissen?

Fakten, Zahlen, Daten… warum uns länger damit plagen? Wir können doch mit unseren kleinen Alleskönnern jederzeit und überall alles nachsehen? Wir sollten endlich aufhören, unsere Schüler*innen damit zu quälen!

Quelle: Pixabay

Diese Aussage wäre wohl nicht Teil dieses Adventkalenders, wenn dem so wäre; daher stellen wir gleich am Beginn dieses Beitrags laut und deutlich fest: Wir alle brauchen Wissen!

Wissen als Basis

Wissen ist die Grundlage für all unsere heiß geliebten Kompetenzen (Ja, auch für die sog.  21st Century Skills). Und ganz besonders in der Wissensgesellschaft, die von uns mehr und mehr abverlangt, echte Informationen von falschen, erfundenen und manipulierenden zu unterscheiden (Stichwort: Fake News). Entscheidend für diese Unterscheidung ist unser Vorwissen (also Daten, Fakten, Informationen), das wir uns bereits angeeignet haben. Haben wir wenig Vorwissen, wirkt sich dies negativ auf einen Such- oder Rechercheprozess im Internet aus. Dies gilt für Kinder, Jugendliche und für Erwachsene. Möchten wir also Information bzw. Digital Literacy fördern, müssen wir weiterhin dafür sorgen, dass unsere Lernenden in Schulen und Hochschulen genug Wissen erwerben (De Bruyckere et al., 2015) [1].

Kirschner (2009) [2] fasst es gut zusammen: “In other words, what you know determines what you see and not the other way around.” Bei De Bruyckere et al. (2015, S. 39) heißt es dazu weiter: “This is actually at the basis of constructivism…“. Warum die Autoren dies ergänzen? Weil gerade die Konstruktivist*innen oftmals gegen das Lehren/Unterrichten zum Zwecke des Erwerbs von Wissen argumentieren (siehe dazu auch Kapitel 1 bei De Bruyckere et al., 2015).  

Auch Daisy Christodoulou [3] macht dies in ihrem Buch 7 Seven Myths about Education nochmal deutlich, indem sie, zugegeben anekdotisch, von ihren Erlebnissen als Lehrerin berichtet. Sie ist schockiert, wie wenig ihre Schüler*innen wissen und welche Scheinaktivitäten sie eigentlich mit ihnen in ihrem Unterricht durchführt. Aber sie unterrichtet doch kompetenzorientiert?! Sie gibt sich mit ihren Empfindungen und Eindrücken nicht zufrieden und recherchiert, was sie anders machen könnte. Eine zentrale Aussage bei ihr ist:

“The aim of fact learning is to learn several hundred facts, which taken together form a schema for understanding the world.”

[u.a. hier 4]

Alle Fakten zusammen formen Schemata, also Vorstellungen von dieser Welt. Sie helfen uns dabei, die Welt zu verstehen. Dieses Zusammenspiel sorgt schlussendlich auch dafür, dass wir kreativ sind, Probleme lösten können, eben kompetent sind: „Wissen und Können sind wie bei einem Rührei das Eigelb und das Eiweiß miteinander verquirlt, sie gehören zusammen. Ob es uns gefällt oder nicht.“ (E.D. Hirsch, zitiert nach [4])

Zugegeben, es wird uns auch nicht leicht gemacht. Wie wir bereits am 2. Dezember gezeigt haben, lieben wir einfache Darstellungen, in Pyramidenform ganz besonders.

Nächstes Beispiel: die Bloom’sche Taxonomie

Bloom hat übrigens niemals die Pyramidenform erwähnt [5].

Die Tweets zeigen einmal die Pyramidenform und einmal eine andere Darstellung, bei der sich das Wissen durch alle Domänen durchzieht.

Die Domäne Wissen befindet sich bei der erfundenen Pyramide ganz unten. Ist Wissen nun am unwichtigsten? Oder ist es das Fundament für die anderen Domänen, wie die andere Darstellung suggeriert?

Eine überarbeitet Version der Taxonomie findet sich bei Krathwohl [6]: Wissen wird hier zu einer gänzlich eigenständigen Domäne.

Dass diese Diskussion nach wie vor anhält, ist klar. Es wird hier immer unterschiedliche Meinungen geben, unterschiedliche (forschungs-)methodische Zugänge. Die Frage ist, was wir z.B. mit solchen Bildern meinen, wenn wir visualisieren „Wissen –> Kompetenz“

Heißt das, mit Wissen zur Kompetenz ODER vom Wissen zur Kompetenz, also weg mit der Vermittlung von Wissen?

Oder wie sollte man es sonst verstehen, wenn etwa gefordert wird:

Es muss uns klar sein und werden: Wir brauchen mehr Wissen, um neue Fähigkeiten zu erlernen; besonders für jene Fähigkeiten, die in der Informations- und Wissensgesellschaft von Bedeutung sind. Und auch diese Fähigkeiten müssen erlernt werden, z.B. so:

First, you explain, then you move on to guided practice, followed by independent practice, and (much) later they can move on to inquiry or discovery learning approaches.

[7]

Quellen

[1] De Bruyckere, P.; Kirschner, P. A. & Hulshof, C. D. (2015). „Myths about Learning. Myth 4: If You Can Look Everything Up, Is Knowledge so Important?“, in: dies. (Hg.), Urban Myths about Learning and Education. Amsterdam et al.: Elsevier: 39-43.

[2] Kirschner, P. A. (2009). Epistemology or pedagogy, that is the question. In S. Tobias & T. M. Duffy (Eds.), Constructivist instruction: Success or failure? (pp. 144–157). New York, NY: Routledge.

[3] Christodoulou, D. (2014b). Seven Myths about Education. Routledge.

[4] Christodoulou, D. (2014a). Minding the Knowledge Gap. The Importance of Content in Student Learning. American Educator. Verfügbar unter: https://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1023875.pdf.

[5] De Bruykere, P. A longer piece on the taxonomy of Bloom, Verfügbar unter: https://theeconomyofmeaning.com/2017/08/24/a-longer-piece-on-the-taxonomy-of-bloom/

[6] Krathwohl, D. (2002). A Revision of Bloom’s Taxonomy: an Overview. Verfügbar unter: https://www.depauw.edu/files/resources/krathwohl.pdf.

[7] Kirschner, P., & Neelen, M. (2019). What we already know determines what, how and how well we learn, Verfügbar unter: https://3starlearningexperiences.wordpress.com/2019/05/21/what-we-already-know-determines-what-how-and-how-well-we-learn/.

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