Zeitgemäßes Lernen ist der falsche Begriff

Bob Blume hat nach Ewigkeiten wieder mal zu einer #Blogparade: Zeitgemäßes Lernen konkret #lernparade ausgerufen, just zu einem Thema, das ich schon ewig in einem Blogartikel bearbeiten wollte: zeitgemäße Bildung.

Was ist zeitgemäß?

Bob reiht sich durch seine Beschäftigung mit dem Thema in eine lange Liste an Expert*innen ein, die sich dem Thema gewidmet haben und dabei einigermaßen unterschiedliche Herangehensweisen an den Tag gelegt haben. Die Antworten auf die Frage nach der zeitgemäßen Bildung vor allem ist dabei oftmals unbefriedigend geblieben.

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Aufgegriffen wurde der Begriff von Dejan Mihajlović, der sich bereits 2017 auf seinem Blog mit dem Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter beschäftigt hat. Er stellt sich dabei u.a. die Frage, ob Noten, Prüfungen, Klassen und Schule zeitgemäß seien, womit er das Thema relativ weit oben angreift und grundsätzlich von „zeitgemäßer Bildung“ spricht.

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Einen schönen Beitrag hierzu ist als TEDtalk nachsehbar.

Wenn man von Schulen und Institutionen spricht, dann sollten wir aber auch eher von Ausbildung als von Bildung sprechen. Man denke hier an Liessmanns Auseinandersetzung mit der unscharfen Verwendung von Bildung und Ausbildung.

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Auch zeigt Mihajlović‘ Beitrag, dass alle sehr gut darin sind, Schwächen am bestehenden System aufzuzeigen, in dieser Semper-Schiene aber oftmals verhaftet bleiben. Sind Noten zeitgemäß? Ja und nein. Sind Klassen zeitgemäß? Ja und nein. Sind Prüfungen zeitgemäß? Ja und nein. Vielleicht hätte dem Beitrag gut getan, sich zu fragen, wie man zeitgemäß definieren kann. Ist dies der richtige Begriff im Kontext von Bildung und Ausbildung?

Dominik Schöneberg nimmt in Gute Bildung ist nicht zeitgemäß, sondern unzeitgemäß noch im gleichen Jahr den Beitrag von Mihajlović kritisch auf und resümiert: „Vielleicht kommt es vor diesem Hintergrund gar nicht so sehr darauf an, ob wir von digitaler, zeitgemäßer oder unzeitgemäßer Bildung sprechen. Womöglich reicht es aus, wenn wir in unserem Schulsystem endlich echte Bildung ohne Bildungslücken ermöglichen.“ Er fährt treffend fort: „An der Gegenwart orientierte Bildung ist kurzsichtig“ und weist mit „An der Zukunft orientierte Bildung ist Glaskugel-Pädagogik“ gleichzeitig auf das große Dilemma und die begriffliche Unschärfe hin, die wir mit diesem Begriff vorfinden. Können wir heute sagen, was wir morgen brauchen werden (gemeint: Kompetenzen, Wissen, Fähigkeiten)? Ist es nicht wirklich so, dass wir heute mit Medien und Methoden von gestern die Generation von morgen unterrichten?

Eine weitere Unschärfe zeigt Philippe Wampfler mit einer von ihm erstellten Grafik auf, die die unterschiedlichen Dimensionen des zeitgemäßen Lernens zusammenfasst:

Graphik by Philippe Wampfler | CC BY 4.0

Veröffentlicht hat er seine Grafik mit dem finalen Titel Zeitgemäßes Lernen, davor hatte er jedoch die Community auf Twitter und Facebook um Ergänzungen und kritische Anmerkungen gebeten. Da der Versionsverlauf veröffentlicht ist, lässt sich eine interessante Entwicklung ausmachen: Betrachtet man nur den Titel, so sieht man, dass in der ersten Version statt zeitgemäß digital zu lesen stand.  In der finalen Graphik findet man das Attribut digital jedoch an keiner Stelle. Meines Erachtens ist dies der absolut richtige Weg, denn zeitgemäß wird viel zu oft mit digital gleichgesetzt. Digital ist keine Teilmenge von zeitgemäß, obgleich zeitgemäßes Lernen auch das Lernen mit und durch interaktive Medien meint, wie man bei „im Netz dokumentiert“ und auch bei der Gestaltung von „Lernnetzwerken“ erkennen kann.

Wie sehr mir Syntagmen vom Typ digital + Hauptwort missfallen habe ich an anderer Stelle schon festgehalten. Digital ist eine leere Worthülse, die in meinen Augen keine Aussagekraft hat.

Geht man mit Luhmanns Systemtheorie an die Sache heran und nimmt seinen Ansatz der binären Codierungen, denkt man das Oszillieren zwischen dem aktuellen und einem möglichen Zustand oder dem Neuen und Alten mit. Zeitgemäß könnte so Trennelement der beiden Codes sein. In der Zeitgemäßheit sind sich die Berücksichtigung gegenwärtiger Rahmenbedingungen bei gleichzeitigem Blick in die Zukunft angelegt. Wie bei binären Codierungen üblichen betrachten wir dabei – blindem Fleck sei Dank – immer nur eine Seite des Codes, die andere wird konsistent mitgedacht. Philippe Wampfler hätte seine Graphik nicht erstellen können, hätte er nicht das Unzeitgemäße mitgedacht. Seine zehn Parameter sind durch einen gleichzeitigen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entstanden. Dabei werden Erkenntnisse der Vergangenheit, gegenwärtige Möglichkeiten und zukünftige Anforderungen berücksichtigt. Vermeintlich, denn die zukünftigen Anforderungen können wir nicht definieren, nur durch den Blick in die Glaskugel erahnen. Dies zeigt sich in der Praxis an der Trefferquote des Horizon Reports. Sonja Grussendorf hat dies einmal verdeutlicht.

Einen wichtigen Punkt nimmt Philippe Wampflers Graphik aber auf: das lernende Subjekt tritt deutlicher ins Zentrum als dies noch bei Dejan Mihajlović der Fall war. Noch deutlicher wird dies in Bob Blumes rezenten Beitrag zum Thema zeitgemäßes Lernen. In einem begleitenden Video, in dem er den Beitrag noch einmal bespricht, erläutert er, warum er sich für das Lernen als Zugang entschieden hat und damit Bildung außen vor lässt.

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Er definiert zeitgemäß als „der Zeit entsprechend“. Wie verändert sich das Lernen des einzelnen in der Zeit, in der wir leben? Als Zeit beschreibt er die Zeit der Digitalität über Felix Stalders Kultur der Digitalität und des Leitmedienwechsels (den ich als solchen mit Gerhard Brandhofer lieber als Leitmedientransformation beschreiben würde). Im Kern von Bob Blumes Ansatz steht das reflektierte Lernen – als Teilmenge? Nun die Berücksichtigung informeller und formaler Lernprozesse in seinem Modell ist vielversprechend, weil wir ständig lernen und es kein Nicht-Lernen gibt. Schön vor allem ist der Punkt, dass Bildung keine direkte Nützlichkeit hat oder haben muss. Dabei Lernen wir Dinge, obwohl wir nicht wissen, ob wir sie jemals brauchen werden. Blumes Beispiel der Interpretation einer Kurzgeschichte ist gut gewählt. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Schüler*innen in Zukunft Kurzgeschichten interpretieren werden, aber sie lernen dabei die analytische Herangehensweise an einen Text, sie lernen das Reflektieren und trainieren das sinnerfassende Lesen.

Damit sind wir am Kern dessen, was ich als zeitgemäßes Lernen bezeichnen würde. Ich freue mich über die schönen Graphiken, die Philippe Wampfler und Bob Blume angefertigt haben. Sie lassen sich gut verwenden und sprechen viele Punkte kompakt an. Im Zentrum aber stehen die Lerner*innen, die dazu befähigt werden sollten, selbstmächtig und handlungsfähig zu sein. Ich verweise hier gerne auf Pico della Mirandolas Rede über die Würde des Menschen.

Und auch wenn das 4C-Modell eigentlich kein Modell ist und in letzter Zeit sowieso als Passe-partout in allen Bildungs- und Lernfragen herangezogen wird, so finde ich, dass es doch den Kern trifft:

Wird das lernende Individuum als Individuum wahrgenommen, das lernt, wie creativity, collaboration, communication und critical thinking in den Alltag integriert werden können, dann sind wir am richtigen Weg. Das ist aber kein Ding des 21. Jahrhunderts, sondern eigentlich eine überzeitliche Forderung. Betrachtet man aber zur Zeit die unterschiedlichste Diskussionen in sozialen Netzwerken, dann sieht man, dass der Wunsch nach zeitgemäßer Bildung anscheinend so aktuell ist, weil es viele Menschen gibt, die weder nach den 4C handeln noch reflektiert sind.

Seien wir uns ehrlich: Eine Schule (oder Hochschule), die auf Multiple-Choice-Prüfungen setzt und in der man auswendig gelernte Texte wiedergeben kann, um das Sprachenlernen zu simulieren, wohin will sie uns führen? Wenn die Meinung des anderen nicht zählt, wenn die Studierenden Bulimielernen und den großen Zusammenhang zwischen den einzelnen Fächern des Curriculums nicht ausmachen, dann läuft etwas verkehrt. (Ich habe dazu schon mehrfach gebloggt.)

Da können wir über zeitgemäßes Lernen diskutieren, wie wir wollen. Wenn wir den Lernenden nicht die Fähigkeit mitgeben, miteinander zu kommunizieren (und da gehört das Schriftliche und das Mündliche innerhalb und außerhalb der virtuellen Welt ebenso dazu wie das sinnerfassende Lesen – nicht nur von Facebook-Beiträgen oder das Erkennen von Fake News) und zusammenzuarbeiten, dann bleiben wir mit dem Lernen im Hier und Jetzt verhaftet. Wir blicken nicht in die Zukunft, wir bleiben hier.

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